VERÖFFENTLICHT VON DEN RADICAL LIFE STUDIOS / MTB REPORT
Ein 5.000-Seelen-Nest in Vermont zieht jedes Jahr rund eine Million Dollar aus dem Mountainbike-Tourismus. Ein Einzelfall? Ganz und gar nicht: Weltweit machen kleine Gemeinden aus ein paar Kilometern Trail einen echten Wirtschaftsmotor – und das E-MTB hat den Kuchen kräftig vergrößert. Nordrhein-Westfalen wollte diesen Wegen gerade per Gesetz den Riegel vorschieben – und ruderte nach heftigem Protest zurück. Ein Lehrstück darüber, warum Bauen schlägt Verbieten.
Ein Provinznest, eine Million Dollar
Waterbury im US-Bundesstaat Vermont hat gerade einmal 5.000 Einwohner und in der Bike-Szene einen exzellenten Ruf. Verantwortlich dafür ist das Trailnetz am Perry Hill. Was als lokales Freizeitprojekt begann, ist heute ein handfester Wirtschaftsfaktor: Rund 15.000 Trail-Besuche zählt der Ort pro Jahr, und laut einer Wirtschaftsstudie von Revitalizing Waterbury und der University of Vermont spülen diese Besucher etwa eine Million Dollar jährlich in die lokale Kasse. Ein Tagesgast lässt im Schnitt rund 45 Dollar da, wer übernachtet, fast 250. Das Geld landet dort, wo es zählt: in Cafés, Werkstätten, Pensionen und im Einzelhandel.
Und es geht längst nicht nur ums Geld. Die Trails sind zum Standortfaktor geworden. In einer Zeit, in der Fachkräfte und Homeoffice-Arbeiter ihren Wohnort freier wählen können, punktet so ein Ort mit Lebensqualität: nach Feierabend in wenigen Minuten auf erstklassigen Wegen unterwegs. Junge Familien ziehen gezielt deshalb hin.
Kein Einzelfall – aus dem Muster wird ein Modell
Waterbury ist kein Ausreißer, sondern Teil eines Musters. Der Blick aufs ganze Land zeigt die Dimension: Allein in Vermont hat der Mountainbike-Tourismus laut der Vermont Mountain Bike Association zuletzt rund 27,9 Millionen Dollar an direkten Besucherausgaben erzeugt bei etwa einer halben Million Trail-Besuchen im Jahr. Eine Auswertung von Trust for Public Land und der IMBA, dem internationalen Mountainbike-Dachverband, beziffert die durchschnittlichen Ausgaben pro Bike-Besuch auf rund 416 Dollar. Etliche Reviere liegen sogar deutlich darüber.
Das prominenteste Beispiel ist Bentonville im US-Bundesstaat Arkansas: Aus einer unscheinbaren Region wurde per Hunderte Kilometer Singletrails, also schmaler Pfade die selbsternannte Welthauptstadt des Mountainbikens, mit einer Bike-Wirtschaft weit jenseits der 100-Millionen-Dollar-Marke. Und im ländlichen Vermont zieht das Netzwerk Kingdom Trails jährlich rund 94.000 Besucher an, gut für über zehn Millionen Dollar Wertschöpfung. Immer dasselbe Rezept: Wege bauen, Gäste kommen, die Region lebt auf.
Der eMTB-Faktor – wer den Kuchen vergrößert hat
So weit, so bekannt. Was in diesen Erfolgsgeschichten aber gern unter den Tisch fällt: das E-Mountainbike. Dabei ist gerade das ein Hauptgrund, warum der Kuchen in den letzten Jahren so kräftig gewachsen ist.
E-MTBs machen mittlerweile fast 40 Prozent des gesamten E-Bike-Marktes aus. Und sie holen genau jene Leute auf den Trail, die vorher draußen blieben: Ältere, weniger Trainierte, Wiedereinsteiger, Familien, Menschen mit körperlichen Grenzen. Also exakt die breite Mehrheit der Normalfahrer nicht die durchtrainierte Rennfraktion.
Im Tourismus schlägt das voll durch. Der Verleih von E-MTBs wächst zweistellig, und Bike-Regionen berichten, dass sich mit E-Bike-Flotten pro Tag rund 40 Prozent höhere Einnahmen erzielen lassen als mit klassischen Bio-Bikes, also unmotorisierten Rädern. Der Grund ist simpel: Wer sich den Anstieg nicht selbst hochquälen muss, bleibt länger, fährt mehr, kommt wieder und bucht die geführte Tour, für die er sich ohne Motor nie angemeldet hätte. Nebenbei streckt das E-Bike die Saison und füllt die Randmonate, in denen sonst tote Hose herrscht.
| Das E-MTB hat den Kuchen vergrößert – nicht kleiner. |
Kurz: Das E-MTB hat die Zielgruppe verbreitert und die Kassen gefüllt. Es ist nicht das Problem der Erfolgsgeschichte – es ist ein guter Teil ihres Motors.
Auch bei uns – Winterberg, das Erzgebirge und die deutsche Rechnung
Man muss für dieses Muster nicht über den Atlantik. Es funktioniert längst vor der eigenen Haustür.
Nehmen wir Winterberg im Sauerland. Der Ort kommt inzwischen auf rund 1,3 Millionen Übernachtungen im Jahr und hat den Sprung vom reinen Wintersport-Zentrum zum Ganzjahresziel geschafft – es gibt Sommer, in denen der August mehr Übernachtungen bringt als der Januar, getragen unter anderem vom Bikepark, den Touren und Events. Rund um den Ort sind in der „Bike Arena Sauerland“ 700 Kilometer ausgeschilderte Strecken ausgewiesen, dazu ein familienfreundlicher Trailpark – gebaut für genau die Einsteiger und Genussfahrer, über die wir hier reden. Nach Angaben aus der regionalen Tourismuswirtschaft hängen rund 60 Prozent der örtlichen Wertschöpfung am Tourismus; die Stadt selbst nennt die Einnahmen aus der Bikeszene einen „wichtigen und unverzichtbaren Bestandteil“ ihres Wirtschaftskreislaufs.
Noch näher am Vermont-Vorbild liegt das Erzgebirge. Wo einst der Bergbau die Region trug und mit seinem Niedergang die Perspektiven schwanden, sorgen heute Trails für frischen Umsatz: Allein der Stoneman Miriquidi und das TrailCenter Rabenberg erwirtschaften laut dem Mountainbike Tourismusforum Deutschland zusammen rund 1,73 Millionen Euro jährlich. Ein ehemaliges Bergbaurevier, neu belebt durch das Fahrrad – exakt die Geschichte, die international etwa das einstige Zinnbergbau-Nest Derby in Tasmanien weltberühmt gemacht hat.
Dass da Geld liegt, zeigt auch das Ausgabeverhalten: Deutsche Mountainbiker geben laut einer Leserbefragung im Schnitt über 1.000 Euro pro Jahr allein für Bike-Reisen aus. Dieses Geld fließt irgendwohin. Die einzige Frage ist, ob in die eigene Region – oder ins Ausland.
NRW hat es fast vergeigt – und dann die Kurve gekriegt
Wie schnell man diese Rechnung ignorieren kann, hat ausgerechnet Nordrhein-Westfalen gerade vorgeführt – also das Bundesland, in dem mit Winterberg eine der größten Bike-Destinationen Deutschlands liegt. Im Mai lag ein Entwurf für ein neues Landesforstgesetz auf dem Tisch, der das Radfahren im Wald künftig praktisch nur noch auf mindestens 3,5 Meter breiten Wirtschaftswegen erlaubt hätte. Übersetzt: Fast jeder Singletrail, jeder schmale Pfad, wäre über Nacht illegal geworden.
Was dann passierte, ist die eigentliche gute Nachricht. Der Protest kam bundesweit und breit: von der DIMB über das Mountainbike-Koordinationsteam des Landes bis zur heimischen Bike-Industrie. Und, bemerkenswert, von den Förstern selbst. Der Bund Deutscher Forstleute NRW stellte sich unter der Überschrift „Dialog statt Kriminalisierung“ gegen pauschale Verbote – und nannte als Vorbild ausgerechnet das Sauerland mit seinen seit Jahren etablierten Runden Tischen zwischen Waldbesitz, Naturschutz, Kommunen, Tourismus und Bike-Verbänden.
| Bauen schlägt verbieten – das hat NRW gerade selbst bewiesen. |
Das Ministerium ruderte zurück. Nach den Anhörungen steht die Zusage, dass das Radfahren auf dem vorhandenen Wegenetz wie bisher erhalten bleibt – keine Verschlechterung. Der Verbots-Vorstoß ist damit vorerst eingemottet. Anders gesagt: Das Land hat gerade noch die Kurve gekriegt, bevor es sich selbst ein wirtschaftliches Eigentor geschossen hätte. Denn man kann schwer eine Wertschöpfung verbieten, die man im eigenen Sauerland gleichzeitig als „unverzichtbar“ feiert.
Zum Feiern ist es trotzdem zu früh. Der Verbotsreflex ist nicht verschwunden, er hat nur den Schauplatz gewechselt: In Baden-Württemberg gilt weiter die berüchtigte 2-Meter-Regel, und auf Bundesebene köchelt die Debatte ums Waldgesetz. Wachsam bleiben lohnt sich also. Die Lehre aus NRW taugt derweil für alle: Konflikte im Wald sind real, mehr Betrieb heißt mehr Verantwortung, aber die Antwort heißt bauen, lenken und pflegen statt aussperren. Und sie heißt: das richtige E-Bike. Zugangsärger entzündet sich selten am leichten, moderaten Pedelec der Familie nebenan, sondern an den frisierten 1.000-Watt-Mopeds, die mit Mountainbiken nur noch die Reifenbreite gemeinsam haben. Mehr Bike, weniger Moped – das ist keine Geschmacksfrage, sondern die Voraussetzung dafür, dass Trails offen bleiben und der Rubel überhaupt erst rollt.
Waterbury hat längst verstanden, dass ein paar Kilometer Weg mehr wert sein können als so manches Gewerbegebiet. NRW hat es diesmal rechtzeitig gemerkt. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, welche Regionen in zehn Jahren besser dastehen werden: die, die gebaut haben – nicht die, die verboten haben.
MTB Report · mtb-report.de · Veröffentlicht am 26. Juli 2026
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