Jedes Jahr das gleiche Ritual. Es geht an den Gardasee. Und ganz ehrlich, nicht nur wegen dem Biken. Es ist dieses ganze Paket: das Flair, die Natur, der erste Espresso am Morgen, abends eine Pizza oder eine Spaghetti Bolognese, und dieses Gefühl, in einer Gegend unterwegs zu sein, in der jeder Stein irgendeine Geschichte erzählt. Der Gardasee ist wie ein alter Freund. Man weiß genau, was man kriegt.
Dieses Jahr habe ich den alten Freund mal warten lassen. Dieses Jahr hieß das Ziel: Paganella.
Und um es vorwegzunehmen: Ich habe keine Sekunde davon bereut. Was aus einem geplanten Wochenende wurde, war am Ende ein kompletter Trip über drei Zonen, drei Berge und einen brandneuen Trail, über den gerade die halbe Szene redet. Hier kommt der komplette Überblick, ehrlich und ohne Hochglanz.
Was ist der Paganella Bike Park eigentlich?
Der Paganella Bike Park liegt im Trentino, gut fünfzehn Kilometer von der Brennerautobahn A22 entfernt. Wer aus dem Süden Deutschlands oder aus Österreich kommt, ist also erschreckend schnell da. Der Park verteilt sich auf drei Orte und drei Zonen, die alle einen komplett eigenen Charakter haben: Andalo, das Reich des Flow. Fai della Paganella, die alte, technische Seele des Ganzen. Und Molveno, die landschaftlich schönste Ecke mit Blick auf den See.
In Summe reden wir von rund sechsundzwanzig ausgewiesenen Trails auf etwa achtzig Kilometern, dazu über dreihundert Kilometer Touren drumherum, drei Pumptracks und eine Skills Area. Die Talstationen liegen bei rund achthundertsechzig Metern, ganz oben auf der Cima Paganella stehst du auf zweitausendeinhundertfünfundzwanzig. Da ist also ordentlich Höhenmeter drin.







Andalo: das Reich des Flow
Meine Base habe ich mir in Andalo gesucht. Mitten auf der Hochebene, alles zu Fuß erreichbar, und die Talstation praktisch vor der Nase. Genau das, was du willst, wenn du morgens nicht erst eine halbe Weltreise zum Lift machen möchtest.
Rauf geht es mit der Gondel Paganella 2001, einer modernen Kabinenbahn vom Ortszentrum den Berg hoch. Kleiner Tipp direkt am Anfang: Unten gibt es eine Bikewash-Station, an der du an nassen Tagen den gröbsten Dreck runterspülst, bevor du einsteigst. So bleibt die Kabine auch für den Nächsten benutzbar. An der Mittelstation kannst du aussteigen und entweder den Willy Wonka runterdonnern, einen langen, verspielten Flowtrail, der dich komplett bis ins Ortszentrum bringt, oder du gönnst dir einen Espresso mit Panorama. Sehr italienisch, sehr richtig.
Oben an der Bergstation ist noch lange nicht Schluss. Über einen kurzen Transferweg rollst du zum Sessellift, der dich die restlichen Höhenmeter Richtung Gipfel zieht. Hier oben teilt sich die Welt in zwei Lines. Ich habe den Interstellar genommen, und der Name passt wie die Faust aufs Auge. Der Trail ist ein Übergang, eine Art Wurmloch, das dich von der Andalo-Seite hinüber in eine völlig andere Sphäre schleust. Oben startest du im kargen, offenen Gipfelgelände, weite Kurven, freier Blick, und dann fädelt er dich sauber ein in das, worauf ich eigentlich hin wollte.
Top Gun: der neue Star der Paganella
Der Top Gun. Brandneu, im Frühjahr 2026 eröffnet, das große Ding der Saison. Und der Name hält, was er verspricht. Hier fühlst du dich wie Tom Cruise in seinem Jet, nur dass du diesmal selbst der Pilot bist.
Der Trail ist zu einem großen Teil in den blanken Fels gehauen, und das merkst du in jeder Kurve. Du fliegst in Bodennähe durch die Felswand, die Anlieger schießen dich raus, und irgendwo dazwischen holst du dir die erste Air-Time des Tages. Nichts, wo du dir in die Hose machst, genau die richtige Dosis zum Warmwerden.
Bei den Zahlen lohnt sich ein ehrlicher Blick, weil da oft einiges durcheinandergeht. Der Top Gun selbst ist rund viereinhalb Kilometer lang und bringt dich etwa fünfhundertsiebzig Höhenmeter von der Seletta bis zur Mittelstation Meriz nach unten. Das eigentlich Spektakuläre siehst du aber erst auf den zweiten Blick: Der Top Gun schließt eine Lücke, die es hier jahrelang gab. Erst durch ihn kannst du von ganz oben, von der Cima Paganella, bis runter nach Santel durchgehend auf gebauten Singletrails fahren. Das sind über tausend Höhenmeter Abfahrt am Stück, ohne einmal auf eine Schotterstraße wechseln zu müssen. Das ist der echte Gamechanger.
Fai della Paganella: die alte, ehrliche Seele
Am Ende vom Top Gun kommst du an der Mittelstation Meriz raus, dem Wohnzimmer der Fai-Zone. Hier ist einiges los, aber auf die entspannte Art. Es gibt eine Hütte zum Einkehren, eine kleine Skills Area, einen Pumptrack, eine Sommerrodelbahn und eine Zipline. Ein Platz, an dem du auch mal eine Stunde hängen bleiben kannst.
Von hier weiter runter hast du die Wahl: den blauen Peter Pan, der später auf den Easy Rider abzweigt, oder für die echten Könner den Apocalypse Now. Ich bin Peter Pan und Easy Rider gefahren, verspielt und flowig, und unten gelandet an einer schnuckelig kleinen zweiten Basis: Santel.
Santel ist anders als Andalo. Kein Trubel, kein Ort, nur ein kleiner Parkplatz am Waldrand, von dem aus du deinen Tag alternativ starten kannst. Und jetzt kommen die Infos, die nicht jeder auf dem Zettel hat. Santel ist der Ursprung. Hier hat das ganze Paganella-Projekt schon 2011 angefangen, lange bevor Andalo und Molveno dazukamen. Der Lift, der dich von hier wieder hochzieht, ist ein schneller Vierer-Sessel. Und der eigentliche Spartipp: Diesen Lift und damit die komplette Fai-Zone kannst du auch mit dem günstigeren Einzelzonen-Ticket fahren. Wer einen ruhigen, technischen Tag ohne den großen Ticketaufpreis will, ist hier goldrichtig. Unten gibt es außerdem eine Pizzeria und einen Camperparkplatz.
Apocalypse Now: der Trail mit Geschichte
Ein Wort noch zum Apocalypse Now, denn der ist eine Legende. Doppelter schwarzer Diamant, nach kanadischem Vorbild klassifiziert, was übersetzt heißt: nur für die Besten. Harter Waldboden, blanke Felsplatten, ganze Wurzelfelder und Steilstücke, die dir unmissverständlich klarmachen, wer hier der Chef ist. Zwei Jahre lang war der Trail Austragungsort einer Stage der Gravitalia-Downhill-Serie. Seine noch ruppigere Schwester heißt Arancia Meccanica.
Und ich bin ehrlich mit dir, so wie immer: Ich habe hier vorrangig geschoben. Kein bisschen Scham dabei. Runterschieben und trotzdem staunen ist allemal besser, als sich etwas beweisen zu wollen und dann im Wurzelfeld zu liegen.








Supernatural und zurück nach Andalo
Zum Abschluss der ersten großen Runde habe ich mich fast ganz nach oben shutteln lassen, dorthin, wo Top Gun und Supernatural zusammenkommen. Der Supernatural ist wieder genau das, was der Name sagt. Aber Achtung: Die ersten zweihundert Meter haben es in sich. Da warten zwei, drei Schlüsselstellen, die eine bessere Grundtechnik verlangen. Wer sich unsicher fühlt, schiebt dort lieber, das ist völlig okay. Gerade bei Nässe ist dieser Anfang kein Zuckerschlecken, weil der Kalkstein dann zur Seifenbahn wird. Hast du die ersten Meter aber überstanden, öffnet sich der Trail, der Untergrund wird griffiger, und plötzlich fließt alles. Ganz unten fädelst du wieder in den Willy Wonka ein, und der bringt dich lang und verspielt zurück nach Andalo. Direkt zur Base.
Molveno: die schönste Zone
Mit der ersten Runde ist Paganella aber noch lange nicht auserzählt. Denn es fehlt noch der dritte Berg, und ehrlich gesagt der schönste von allen: Molveno. Rauf geht es hier mit der Molveno-Pradel-Gondel, dann weiter mit dem Pradel-Tovre-Sessel, und unter dir liegt der Molvenosee, der angeblich schönste See Italiens.
Ganz oben startet der Big Hero, mit knapp zwei Kilometern der leichteste Trail im gesamten Park. Der Name ist ein Augenzwinkern, denn hier brauchst du am wenigsten Heldentum. Offenes Gelände, weite Anlieger, sanfte Roller und die ganze Zeit dieser Wahnsinnsblick auf die Brenta und den See. Der perfekte Trail, um jemanden abzuholen, der zum ersten Mal in einem Bikepark steht.
An der Mittelstation schließt der Blade Runner an, eine ganze Ecke bissiger, ein Rollercoaster durch den Wald mit Sprüngen und Wallrides. Kleine Warnung: Er startet mit einem längeren Wurzelstück, und das ist ehrlich gesagt das Schwerste am ganzen Trail. Direkt im Anschluss kommt der Goonies, schmaler, mit mehr Steinen und Wurzeln, quasi Downhill für Einsteiger. Und optisch ist der Trail einfach ein Genuss, so wie er sich durch den Wald zieht. Dazu noch der Matrix, frisch gebaut, schnell, mit lauter parabolischen Kurven, die dich förmlich durchziehen.
Was ich eigentlich noch fahren wollte, war der Ude’s Trail, ein langer Naturtrail, der dich über acht Kilometer von Molveno zurück Richtung Andalo gebracht hätte. Leider war der an dem Tag gesperrt, von der Polizei, ohne erkennbaren Grund. Also kein wilder Naturtrail zurück, sondern brav über die Straße zur Base. Passiert. Auch das ist Real Life.
Real Talk: Bremswellen und Trailzustand
Eine Frage, die mir ständig gestellt wird, und die deshalb ab jetzt fest dazugehört: Wie sieht es eigentlich mit dem Zustand aus? Also ganz ohne Schönfärberei: Ja, ein Bikepark dieser Größe hat auch Bremswellen. Das ist völlig normal. Der Unterschied ist, was dagegen getan wird. Und hier arbeiten gleich mehrere Teams mit großem Gerät gegen Erosion, kaputte Brücken und eben Bremswellen. Paganella hat in der Szene seit Jahren den Ruf, bei der Trailpflege vorbildlich zu sein, teils gepflegter als so mancher große Name weiter nördlich.
An meinem Tag war es so: Im oberen Teil waren die Bremswellen sehr gering. Unten auf den blauen Linien hatte es dann schon mal härtere Dinger drin. Der Grund ist simpel. Die blauen Trails werden am meisten befahren und am meisten gebremst, weil dort die meisten Einsteiger unterwegs sind. Genau da bilden sich die Wellen am schnellsten.
Und noch ein ehrlicher Reifentipp obendrauf: Der Kalkstein hier wird bei Nässe richtig heikel. Wenn Regen im Spiel ist, fährst du mit griffiger, weicher Gummimischung deutlich entspannter als mit einem schnellen, aber harten Reifen.
Deine Base: Andalo, Santel und Camping
Für die Unterkunft gilt eine einfache Faustregel: Willst du Biken pur und kurze Wege, ist Andalo dein Ort. Willst du es ruhiger und mit See, dann Molveno. In Andalo gibt es den zentral gelegenen Camping Andalo Life sowie die Camper Van Area Rindole. Wer es ganz puristisch mag, findet auch Stellflächen direkt am Lift. In Molveno liegt der Campingplatz herrlich am See, ist in der Hauptsaison aber entsprechend gefragt und nicht ganz billig. Und in der Fai-Zone kannst du unten in Santel ebenfalls mit dem Camper stehen, deutlich unaufgeregter als im Trubel.
Praktische Infos auf einen Blick
Anreise: Trentino, rund fünfzehn Kilometer von der A22 (Brenner).
Zonen: Andalo (Flow), Fai della Paganella (Technik und Downhill), Molveno (Panorama).
Tickets 2026: rund siebenundfünfzig Euro für alle drei Zonen, etwa sechsundvierzig Euro für eine Einzelzone.
Beste Zeit: Mai und Juni sowie September. Dann sind die Trails trocken und deutlich leerer als im Hochsommer. Früh am Vormittag fahren lohnt sich, weil Andalo an starken Tagen voll wird.
Bike: Für den Flow in Andalo reicht ein Trailbike um die hundertdreißig Millimeter. Für die harten Linien in Fai solltest du mit hundertsechzig Millimetern und Enduro- oder Downhill-Geometrie anrücken.
Nicht vergessen: griffige Reifen wegen des Kalksteins, und die Bikewash-Station unten an der Gondel.
Paganella statt Gardasee war ein Tausch, bei dem ich vorher ehrlich nicht wusste, wie er ausgeht. Am Ende stand fest: Es hat sich sowas von gelohnt. Die Paganella ist nicht ein Berg, sie ist drei Gesichter. Der Flow und die brandneuen Fels-Trails über Andalo, die harte, ehrliche Geschichte in Fai, und das Seepanorama in Molveno. Dazu mit dem Top Gun ein Trail, der eine jahrelange Lücke schließt und dabei aussieht, als wäre er direkt aus einem Actionfilm ausgeschnitten.
Der alte Freund Gardasee musste dieses Jahr warten. Und das war es sowas von wert.
Die ganze Story gibt es auch in bewegten Bildern auf meinem YouTube-Kanal, aufgeteilt in zwei Folgen: Teil eins mit Top Gun, Andalo und Fai, und Teil zwei mit der Molveno-Zone.
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