Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report
Kurz vor der Cerro-Abajo-Premiere in Stuttgart rauscht Johannes Fischbach für die Kamera durch die Steillagen – und quert dabei mehrfach eine öffentliche Weinbergstraße. Das Video läuft millionenfach, die Kommentare gehen weit auseinander. Wir ordnen ein, ohne den Stab zu brechen und wollen wissen, wie ihr das seht.
Was auf dem Clip zu sehen ist
Der Clip ist schnell erzählt: Helmkamera, POV-Perspektive, eine steile Rebzeile im Ländle. Johannes Fischbach – dreifacher Deutscher Downhill-Meister und amtierender Deutscher E-Enduro-Meister, lässt es durch die Weinberge laufen und kreuzt dabei mehrmals eine öffentliche, für den Verkehr freie Weinbergstraße, sichtbar mit ordentlich Tempo. Unterwegs ist er auf dem E-MTB. Mehr als drei Millionen Mal wurde das Video inzwischen angeklickt.
Der Zeitpunkt macht die Sache besonders. Am 5. und 6. September gastiert die Urban-Downhill-Serie Red Bull Cerro Abajo, Rennen quer durch die Stadt, über Treppen, Mauern und enge Gassen, erstmals in Deutschland, und zwar in Stuttgart. Fischbach startet dort als Lokalmatador, vor heimischem Publikum, mitten im Rampenlicht.
Was er selbst zur Aktion sagt, ist dünn belegt. Kolportiert wird, er habe die Abfahrt als abgesichert bezeichnet. Ein solches Statement ließ sich bis Redaktionsschluss allerdings nicht auffinden und ob die Straße tatsächlich gesperrt und mit Posten gesichert war, können wir nicht bestätigen. Wir lassen das offen.
Zwei Lager – und ein Graben mittendrin
In den Kommentaren prallen zwei Haltungen aufeinander. Die einen feiern den Run: sauber gefahren, starke Bilder, gewaltige Reichweite. Die anderen sind fassungslos.
Besonders deutlich wird eine Stimme aus dem Vereinsumfeld: Man kämpfe Jahr für Jahr um die Akzeptanz bei Forst, Weinbauern und Passanten und dann komme ein Profi ins Ländle und richte mit einem einzigen Post mehr Schaden an, als ihm bewusst sei. Der Vorwurf zielt nicht auf das fahrerische Können, sondern auf das Signal, das der Clip aussendet. Und er verweist auf die Vorbildfunktion: Gerade weil das Stuttgart-Rennen die Blicke, auch die der Kids, auf Fischbach lenkt, wiege so ein Video schwerer.
Auffällig dabei: Wer feiert, ist tendenziell jung. Und genau da schließt sich der Kreis zur Vorbildfrage.
| „Der Clip sagt: Gib Gas. Was er nicht sagt: bitte nicht nachmachen.“ |
Das Problem ist nicht das Können, es ist die fehlende Warntafel
Selbst wenn die Aktion für Fischbach abgesichert war, gesperrte Straße, Posten, alles im Griff: Der 14-Jährige, der sich das Video ansieht und danach dieselbe Weinbergstraße hinunterballert, hat nichts davon. Kein Posten, keine Sperrung, kein Profi-Reflex. Ein Clip wie bei „Jackass“ käme mit einem fetten „Nicht nachmachen“ daher. Dieser hier nicht. Er liest sich als Einladung.
Ob der Clip tatsächlich jemanden zur Nachahmung bewegt, lässt sich nicht belegen und wir behaupten es auch nicht. Aber die Machart, drei Millionen Klicks, kein Kontext, kein Hinweis, lädt eben dazu ein. Das ist der Punkt, an dem sich viele reiben.
Fairerweise: Fischbach fährt seit Jahren auf diesem Niveau, und wenn die Straße wirklich gesichert war, war es für ihn kein wildes Risiko. Wir unterstellen ihm keine Illegalität. Es geht nicht um ihn gegen die Regeln, es geht um das, was beim Publikum hängen bleibt.
Verbieten baut keine Trails, aber Reichweite bringt Verantwortung
Unsere Linie ist bekannt: Bauen schlägt Verbieten. Ein Shitstorm legt keinen einzigen legalen Meter an, und Empörung war selten ein guter Ratgeber. Wer die Szene größer machen will, gewinnt Akzeptanz über Rücksicht und über gute Bilder, nicht über Clips, die nach Grenzüberschreitung aussehen, ob sie es nun waren oder nicht.
Zugleich lässt sich nicht wegdiskutieren, dass Reichweite Verantwortung mit sich bringt. Wer Millionen erreicht und ein Rennen vor der eigenen Haustür hat, sendet mit jedem Post ein Signal, gewollt oder nicht.
Wie seht ihr das?
Jetzt seid ihr dran. Ab wann ist so ein Clip einfach Inspiration und ab wann Brandbeschleuniger? Muss ein Profi mit dieser Reichweite ein „Nicht nachmachen“ dazuschreiben, oder ist das übertriebene Vorsicht? Und ganz ehrlich: Hättet ihr den Run gefeiert oder den Kopf geschüttelt?
Schreibt es in die Kommentare, sachlich, fair, gern mit Gegenmeinung. Genau dafür ist der Platz hier da.
Stuttgart, 28. August 2026 · von Robert Langer
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