Veröffentlicht von den Radical Life Studios und dem MTB Report.
Aus dem Auto kommt gerade das größte Zellformat seit Jahrzehnten. Auf dem Papier verspricht es weniger Bauteile, weniger Kosten, weniger Komplexität. Am Unterrohr eines Mountainbikes rechnet sich das nicht. Es kostet dort genau das, wofür die Branche zuletzt gekämpft hat: Leichtigkeit.
Was 4680 überhaupt bedeutet
Die Zahl ist keine Modellbezeichnung und kein Marketingcode, sondern schlicht ein Maß. Bei Rundzellen sagen die ersten beiden Ziffern den Durchmesser in Millimetern, die nächsten beiden die Länge, und die abschließende Null steht für die zylindrische Bauform. Eine 18650 ist also 18 Millimeter dick und 65 Millimeter lang, eine 21700 misst 21 mal 70, und die 4680 kommt auf 46 Millimeter Durchmesser bei 80 Millimeter Höhe.
Wer heute ein E-Mountainbike fährt, fährt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf 21700er Zellen. Dieses Format hat sich in der Mikromobilität als Standard durchgesetzt, weil es den besten Kompromiss aus Leistungsgewicht und Rahmenkompatibilität liefert. Ein 800-Wattstunden-Akku besteht dabei aus vierzig oder mehr einzelnen Zellen, sauber verschweißt, überwacht von einem Batteriemanagementsystem, das jede Zellgruppe im Blick behält.
Mit der 4680 wären es acht.
Warum die Autoindustrie das unbedingt will
Volumen wächst mit dem Quadrat des Radius, und deshalb ist der Sprung von 21 auf 46 Millimeter kein Zwischenschritt, sondern ein Formatwechsel. Eine 4680 trägt rund das Fünffache an Energie einer 21700, gerechnet grob 90 bis 100 Wattstunden pro Zelle.
Für einen Autohersteller ist das die halbe Miete. Weniger Zellen bedeuten weniger Schweißpunkte, weniger Verbinder, weniger Sensorik, weniger Fertigungsschritte pro Kilowattstunde. Tesla hat das Format 2020 am Battery Day genau mit diesem Versprechen vorgestellt, nämlich die Batteriekosten zu halbieren. Dass der Weg dorthin steinig ist, gehört zur Geschichte dazu: Die Skalierung der Produktion kämpfte lange mit hohen Ausschussraten, und der Konzern hat die Zelle im Model Y zwischenzeitlich raus und wieder rein rotiert. Trotzdem ziehen inzwischen andere nach, BMW arbeitet mit einer 46 Millimeter Zelle in 95 und 120 Millimeter Höhe, und die gesamte Rundzellenwelt außerhalb Chinas bewegt sich in diese Richtung.
Das ist der Kontext, in dem die Frage auftaucht: Wenn das Format Auto und Energiespeicher erobert, wann kommt es ans Bike?
Die Rechnung, an der es scheitert
Ein E-Bike-System läuft nominal bei 36 Volt. Das bedeutet zehn Zellen in Reihe, egal wie groß diese Zellen sind. Zehn 21700er in Reihe ergeben je nach Kapazität einen sehr schlanken Akku, und wer mehr Reichweite will, hängt eine zweite oder dritte Parallelebene dran. So entstehen 400, 600 und 800 Wattstunden aus demselben Baukasten.
Mit 4680ern gibt es diese Feinabstufung nicht mehr. Zehn Zellen in Reihe sind das absolute Minimum, und dieses Minimum liegt bereits bei rund 950 Wattstunden. Es gibt keinen kleineren Akku. Es gibt keinen Light-Support. Es gibt keinen 430-Wattstunden-Pack für ein 18-Kilo-Enduro und keinen 290-Wattstunden-Pack für ein Trailbike, das sich noch wie ein Fahrrad anfühlt. Wer die 4680 ins Unterrohr legt, baut ab Werk ein Full-Power-Bike mit Vollakku, oder er baut gar nichts.
Genau das ist die Ironie an diesem Trend. Die spannendste Entwicklung im eMTB der letzten drei Jahre lief in die exakt entgegengesetzte Richtung. Leichte Systeme, kleinere Akkus, optionale Range Extender, Bikes mit 17 oder 18 Kilo, die bergab wie ein normales Enduro funktionieren. Ein Zellformat, das eine Untergrenze von einem knappen Kilowattstunden-Pack erzwingt, killt diese ganze Kategorie. Nicht aus Bosheit, sondern aus Geometrie.
Dazu kommt der Bauraum. 46 Millimeter Durchmesser sind eine harte Untergrenze in mindestens einer Achse, und größere Durchmesser lassen sich in Standard-Unterrohrgehäusen erkennbar schlechter unterbringen als das aktuelle Format. Der Rahmenbauer verliert Freiheit genau dort, wo er sie am dringendsten braucht, nämlich rund um Motor, Tretlager und Dämpferanlenkung. Das Unterrohr wird dicker, der Schwerpunkt wandert, und optisch landen wir wieder da, wo die Branche 2016 schon einmal stand. Bei Bikes, die aussehen wie ein Moped mit Pedalen.
Der Energiedichte-Mythos
Der häufigste Denkfehler in dieser Debatte ist die Annahme, eine größere Zelle sei automatisch die bessere Zelle. Ist sie nicht. An Teslas aktuellen 4680ern wurden rund 234 Wattstunden pro Kilogramm gemessen, und gute 21700er liegen heute auf diesem Niveau oder darüber. Der Vorteil des großen Formats liegt in den Fertigungskosten und der Packsimplifizierung im Millionenmaßstab, nicht in der Energie pro Kilo. Ein größerer Durchmesser begründet für sich genommen weder Energiedichte noch Stromfestigkeit noch Kühlverhalten.
Beim Kühlverhalten ist er sogar der schlechtere Deal. Je dicker die Zelle, desto ungünstiger das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen, und desto schwerer bekommt man die Wärme aus der Mitte heraus. Im Auto löst man das mit Flüssigkeitskühlung. Im Unterrohr eines Mountainbikes liegt der Akku in einer geschlossenen Alu- oder Carbonröhre, ohne Kreislauf, ohne Pumpe, ohne Radiator. Und er wird dort auf einem Uphill im Turbo-Modus bei 28 Grad im Juli genauso gefordert wie auf der Fahrt in den Bikepark im Kofferraum.
Und dann ist da noch die Gondel
Der Punkt, den die Formatdebatte gerne unterschlägt, ist der Sicherheitsfall. Eine Zelle mit 96 Wattstunden setzt im Fehlerfall rund das Fünffache an Energie frei wie eine mit 18 Wattstunden. Thermal Runaway ist kein theoretisches Konstrukt, sondern der Grund, warum inzwischen einzelne Bergbahnen E-Bikes mit fest verbautem Akku aus der Gondel verbannen und warum Fluggesellschaften, Fähren und Speditionen ihre Regeln laufend verschärfen.
Größere Zellen machen diese Diskussion nicht einfacher, sondern schwieriger. Wer glaubt, das Thema Akkutransport entspanne sich in den nächsten Jahren, sollte sich anschauen, in welche Richtung die Energie pro Einzelzelle marschiert.
Was stattdessen kommt
Der ehrliche Blick nach vorn führt nicht über den Durchmesser, sondern über die Chemie. Seit 2025 laufen Rundzellen mit Silizium-Anode in Serie, und genau dort liegt der realistische Zugewinn für Bikes: mehr Energie im gleichen Bauraum, im bewährten 21700er Gehäuse, ohne dass der Rahmenbauer sein Unterrohr aufblasen muss. Dazu kommen bessere Zellchemien, klügeres Thermomanagement und Systeme, die den vorhandenen Strom effizienter in Vortrieb übersetzen statt einfach mehr davon mitzuschleppen.
Die 4680 wird also kommen. In Autos, in Heimspeichern, in Nutzfahrzeugen. Am Mountainbike bleibt sie auf absehbare Zeit das, was sie heute ist: eine faszinierende Zelle, die für ein anderes Fahrzeug entwickelt wurde. Und wenn sie doch ins Unterrohr wandert, dann nicht, weil sie das Bike besser macht, sondern weil sie das Bike schwerer macht.
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