Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report
Der Antriebsspezialist von DJI hat sich am 19. Mai zur Debatte um Motorleistung geäußert. Eine Einordnung — denn so plausibel die Argumente klingen, so deutlich umgeht das Statement den eigentlichen Kern. Und es gibt gute Gründe zu glauben, dass genau das Kalkül ist.
Avinox hat ein Statement abgesetzt. Der Hersteller, der mit dem M1 und jüngst dem M2S mit 1.500 Watt Spitzenleistung den E-MTB-Markt aufgerollt hat, wehrt sich gegen Kritik aus der Branche. Der Tenor: Wer hohe Leistung mit hoher Gefahr gleichsetze, missverstehe das Konzept. Power sei nicht Geschwindigkeit, sondern Zugänglichkeit, für schwerere Fahrer, ältere Rider, Menschen mit Einschränkungen, Cargo-Anwendungen.
Das klingt vernünftig. Und es ist auch nicht komplett falsch. Trotzdem ist das Statement aus unserer Sicht weder ehrlich, noch hilfreich für die Sache, die es schützen will: das Mountainbiken.
Was Avinox tatsächlich richtig macht
Erstmal eine Anerkennung, denn die ist verdient: Avinox hat den Markt aufgemischt. Bosch, Shimano, Brose, die etablierten Player haben sich jahrelang auf solider, aber unspektakulärer Technik ausgeruht. Es reichte. Warum auch nicht, der Markt nahm, was kam. Wir haben in unserer früheren Berichterstattung zum Avinox M2 schon gezeigt: Der neue Motor schlägt die etablierte Konkurrenz technisch in fast jeder Disziplin. Weniger Gewicht, mehr Effizienz, schlauere Software.
Dass nun ein neuer Player kommt und sagt: „So, jetzt zeigen wir euch, was geht“, das ist gesund für den Markt. Wettbewerb belebt das Geschäft, und Innovation entsteht selten dort, wo es niemandem unangenehm wird. Insofern: Hut ab vor dem Mut, die Branche aus dem Tiefschlaf zu reißen.
Wo das Statement uns verschaukelt
Aber: Die Probleme der Power-Eskalation sind deutlich klarer, als Avinox sie darstellt.
Mehr Leistung bedeutet mehr Belastung, für Reifen, für Bremsen, für Antrieb, für Rahmen. Mehr Leistung bedeutet auch: andere Fahrweise. Wer mit 1.500 Watt an einer Anliegerkurve ankommt, fährt sie anders an als jemand mit 600. Das ist physikalisch nicht wegzudiskutieren, egal wie elegant Avinox das Wort „Geschwindigkeit“ vom Wort „Leistung“ trennen will.
Und der Effekt auf die Trails ist nicht abstrakt. Bremsspuren werden tiefer, Anlieger werden härter beansprucht, Naturtrails verändern sich messbar schneller. Trail-Verbände wie die IMBA haben sich nicht ohne Grund kritisch geäußert. Wer in den einschlägigen Foren die Diskussionen liest, hört dieselbe Sorge aus der Community: Es geht nicht um Neid auf neue Technik. Es geht um die Frage, wo das Ganze hinläuft.
Und auch das Accessibility-Argument hat Risse. Ja, es gibt Fahrer, die mehr Unterstützung sinnvoll nutzen können. Aber 1.500 Watt sind kein Accessibility-Feature mehr — das ist Leistungsklasse Roller. Die übergroße Mehrheit der E-MTBler ist weder schwergewichtig noch eingeschränkt. Sie ist einfach normaler Fahrer mit einem normalen Bike, das jetzt plötzlich Motoren bekommt, die für einen Anwendungsfall ausgelegt sind, den die wenigsten haben.
Ein E-MTB ist kein Moped. Es ist ein Fahrrad mit Unterstützung. Mehr Bike, weniger Mopet, das ist die Richtung, die der Markt bräuchte.
Das eigentliche Kalkül
Hier wird es interessant. Wenn man genau hinschaut, ist das Avinox-Statement weniger eine Verteidigung, sondern eine Standortbestimmung. Vielleicht sogar eine Strategie.
Avinox kommt von außen, aus dem DJI-Universum. Sie haben technisch alle Trümpfe. Sie können den Markt nicht über Tradition oder Händlernetz gewinnen, also gewinnen sie ihn über Leistung. Und das Problem dabei: Die etablierten Hersteller folgen jetzt. Bosch, Shimano und Co. spüren den Druck und drehen ihre eigenen Motoren auf. Statt sich auf das zu konzentrieren, was sie können — Langlebigkeit, Servicenetz, jahrzehntelange Reife, laufen sie dem neuen Spieler hinterher in eine Richtung, die das Bike als Sportgerät vom Roller kaum noch unterscheidbar macht.
Ob das genau so von Avinox kalkuliert war, lässt sich nicht beweisen. Aber strategisch wäre es klug: Wer den Markt mit Leistung definiert, zwingt die Konkurrenz auf sein eigenes Spielfeld. Und auf diesem Spielfeld ist Avinox technisch der Beste.
Die Tragik daran: Die etablierten Hersteller hätten eine andere Antwort gehabt. Sie haben jahrelang nicht alles schlecht gemacht, sie haben sich nur ausgeruht. Bosch CX Gen 5 hat über zehn Jahre Erfahrung im Feld. Shimano hat ein Händlernetz, von dem Avinox in Europa nur träumen kann. Das wären die echten Trümpfe gegen den Neuling gewesen. Stattdessen rennen sie dem Watt-Wettrennen hinterher.
Was wir eigentlich brauchen
Der Kern liegt woanders. Ein guter E-MTB-Motor 2026 sollte drei Dinge können: leicht sein, langlebig sein, effizient sein. Mit überschaubarer Leistung, weil mehr Watt selten mehr Fahrspaß bedeuten, sondern meistens mehr Verschleiß, mehr Gewicht, mehr Akkuverbrauch und einen Fahreindruck, der mit „Mountainbike“ nicht mehr viel zu tun hat.
Ein E-MTB ist kein Moped. Es ist ein Fahrrad mit Unterstützung. Diese Unterscheidung ist nicht nur juristisch wichtig, sie ist das, was den Sport ausmacht. Wer das verwischt, verliert den Bikesport schleichend, Stück für Stück, ohne dass jemand den Punkt benennen kann, an dem es gekippt ist.
Avinox hat den Markt aufgeweckt. Das war richtig. Aber jetzt wäre die kluge Branchenantwort nicht: „Mehr Watt für alle.“ Sondern: „Mehr Bike. Weniger Mopet.“
Und genau das fehlt im Statement vom 19. Mai.
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