Es gibt Tage, die fangen nicht am Lift an, sondern am Wasser. Der Tag in Molveno war so einer. Ich stand früh am Ufer, der Lift lief noch nicht, kein Mensch auf den Trails, und über dem Molvenosee hing noch der Nebel. Die Brenta-Dolomiten drüben wachten gerade erst auf, und der See lag so still da, dass man fast Angst hatte, ihn mit einem lauten Wort zu wecken.

Genau da wusste ich, dass diese Folge anders wird. Willkommen zu Teil 2 meiner Paganella-Reise, der Zone, die dich nicht mit Airtime erschlägt, sondern mit einem See, einer Sage und diesem Licht im Wald einfach abholt: Molveno.

Der See, der ein Gedächtnis hat

Molveno ist nicht einfach nur schön, Molveno ist ausgezeichnet schön. Der Touring Club Italiano kürt den See Jahr für Jahr zum schönsten See Italiens, zuletzt 2026, und das nicht zum ersten Mal. Der Dichter Antonio Fogazzaro hat ihn schon vor über hundert Jahren sinngemäß eine kostbare Perle in einem noch kostbareren Schmuckkästchen genannt. Wenn du das Wasser siehst, dieses tiefe Blau, das je nach Licht ins Türkis und Smaragdgrün kippt, dann klingt das kein bisschen übertrieben.

Das eigentlich Faszinierende ist aber, wie dieser See überhaupt entstanden ist. Vor drei- bis viertausend Jahren hat sich hier ein ganzer Berghang gelöst und ist abgerutscht. Dieser Bergsturz hat das Tal aufgestaut, und dort, wo vorher Wald stand, stand plötzlich Wasser. Tief unten am Grund, über hundert Meter tief, haben sie später uralte Baumstümpfe gefunden. Reste von genau dem Wald, der damals verschluckt wurde. Der See steht also buchstäblich auf seiner eigenen Vergangenheit.

Und wo ein Ort ein Gedächtnis hat, da hat er auch seine Geschichten. Man erzählt sich hier eine alte Sage. Da, wo heute die Halbinsel in den See ragt, soll vor langer Zeit eine grüne Alm gewesen sein. Dort lebte Alba, ein Hirtenmädchen mit einer Stimme, für die abends sogar der Wald leise wurde. Bis eines Tages ein dunkler Fremder kam und die Alm für immer verschwand. Seitdem, sagen die Alten im Dorf, hörst du an manchen nebligen Abenden, wenn sich die Sterne im Wasser spiegeln, immer noch eine leise Stimme. Manche sagen, das ist nur der Wind. Ob du das glaubst oder nicht, ist deine Sache. Aber an so einem Morgen, mit dem Nebel überm Wasser, würde ich dir nicht widersprechen wollen.

Rauf, und zwar doppelt

So schön der See von unten ist, zum Steineschauen bin ich nicht da. Rauf in die Molveno-Zone geht es gleich in zwei Etappen. Zuerst mit der großen Gondel von Molveno hoch aufs Pradel-Plateau, und weil das noch nicht ganz oben ist, hängst du danach direkt den Sessellift von Pradel Richtung Tovre dran. Zwei Lifte, ein Ziel. Unter dir wird der See immer kleiner, bis er nur noch ein blauer Tropfen im Grün ist, und über dir baut sich die Brenta auf wie eine Wand aus Fels.

Kleine Randnotiz für die Sammler: Molveno kann viel mehr, als die meisten denken. Anfang 2025 haben sie hier sogar die erste Eisschwimm-Weltmeisterschaft Italiens ausgetragen. Ich bleibe dann lieber auf dem Bike.

Die Trails: von sanft bis Bullet-Time

Oben wartet der Big Hero, der leichteste Trail im ganzen Park. Der Name ist mit einem Zwinkern gemeint, weil du hier am wenigsten Heldentum brauchst. Weite Anlieger, sanfte Roller, offenes Gelände, und die ganze Zeit dieser Blick auf die Brenta und den See. Der perfekte Trail, um am Morgen warm zu werden, und genau der, auf den du jemanden stellst, der zum ersten Mal in einem Bikepark steht.

Danach fließe ich weiter in den Blade Runner, und ab hier wird es bissiger. Ein einziger Rollercoaster durch den Wald mit Sprüngen und Wallrides. Real Talk am Rande: Der Trail startet mit einem längeren Wurzelstück, und das ist das Schwerste am ganzen Ding. Wer da sauber durchkommt, hat danach nur noch Grinsen im Gesicht.

Und dann kommt die Gabelung, an der sich der Trail teilt. Ich nehme zuerst den Goonies, und dieser Trail ist ein echtes Erlebnis. Schmaler als alles bisher, mehr Steine, mehr Wurzeln, aber das ist gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, wie er aussieht. Der Trail schlängelt sich durch den Wald, das Morgenlicht fällt in Streifen durch die Bäume, und du fährst mitten durch eine Abenteuergeschichte, passend zum Filmnamen. Ich hatte da unten einen Moment, in dem ich einfach kurz angehalten habe. Nicht wegen der Fahrtechnik, sondern einfach, weil es so schön war. Solche Momente sind der eigentliche Grund, warum ich das hier alles mache.

Nach Hause zur Base geht es über den Matrix. Eigentlich wollte ich den langen Ude’s Trail nehmen, der dich Richtung Andalo zurückbringt, aber der war an dem Tag gesperrt. Also Plan B, und der passt zum Namen wie die Faust aufs Auge. Frisch gebaut, schnell, mit parabolischen Kurven, die dich durch den Wald biegen, als würde sich die Realität verformen. Du bremst nicht, du fließt. Das ist Bullet-Time auf zwei Rädern, und irgendwann spuckt der Trail dich wieder aus, zurück Richtung Andalo, zurück zur Base.

Real Talk: Bremswellen und Trailzustand

Weil das ab jetzt fest zu jeder Folge gehört, auch hier der kurze Zustands-Check. Molveno ist die familienfreundlichste der drei Zonen, und das merkst du an den Trails. Oben läuft alles wie geleckt. Weiter unten, wo am meisten gebremst wird, findest du ein paar Bremswellen in den blauen Passagen. Nichts Wildes, aber sie sind da, aus demselben Grund wie überall: viel Verkehr, viele Einsteiger, viel Bremsen. Der Naturboden weiter unten ist von Haus aus etwas rauer, aber das gehört zum Charakter und nicht auf die Mängelliste.

Der leise Berg

Am Abend saß ich wieder auf dem Rückweg zur Base in Andalo. Die Sonne tief, die Beine schwer, der Akku leer, und im Kopf lief der ganze Tag noch mal ab. Der Nebel überm See am Morgen. Die Sage von Alba. Big Hero, Blade Runner, Goonies, Matrix. Ein Berg, der leise anfängt und groß aufhört.

Damit ist die Paganella für mich komplett. Drei Zonen, drei völlig verschiedene Gesichter. Der Flow und die neuen Fels-Trails über Andalo, die harte, raue Geschichte in Fai mit Top Gun und Apocalypse Now, und hier Molveno, das dich mit einem See und einer Sage abholt. Der alte Freund Gardasee hat dieses Jahr Pause gemacht. Und ich bereue keine Sekunde davon.

Den ganzen Tag in bewegten Bildern gibt es in der neuen #MTBlife Folge, Teil 2 der Paganella-Reise. Falls du Teil 1 mit Top Gun, Andalo und Fai verpasst hast, den schau dir am besten vorher an.


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