von Robert Langer

Der größte Motorradhersteller der Welt kündigt sein erstes E-Mountainbike für 2027 an, Ducati bringt im Oktober eins mit 150 Newtonmetern. Klingt nach Zeitenwende. Ein genauer Blick zeigt aber: Hinter beiden Marken stehen Bike-Spezialisten. Und die entscheidende Frage hat noch keiner beantwortet.

Auf der Sea Otter Europe in Girona standen Mitte September zwei Stände, die man auf einem Bike-Festival nicht unbedingt erwartet. Honda zeigte einen E-MTB-Prototyp und bestätigte den Markteinstieg für 2027. Ein paar Meter weiter präsentierte Ducati das DM-160 R. Zwei Motorradmarken, ein Thema: Sie wollen in unseren Wald.

Für eine Szene, in der „E-Bike“ und „Moped“ ohnehin oft in einem Atemzug fallen, ist das ein heikler Moment. Grund genug, genau hinzuschauen, statt zu jubeln oder abzuwinken.

Honda: der dritte Anlauf

Ganz neu ist Honda im Mountainbike nicht. Mit der RN01 G-Cross fuhr das Werksteam von 2004 bis 2007 im Downhill-Weltcup, Greg Minnaar holte darauf 2005 den Gesamtsieg. Das Bike hatte ein gekapseltes Getriebe im Tretlagerbereich und wurde nie verkauft. Danach war Schluss.

Ein E-MTB-Konzept zeigte Honda bereits 2023 auf der Japan Mobility Show, damals mit Aluguss-Rahmen und einer fahrbaren Ladestation für Mehrtagestouren. Gekommen ist davon nichts. Neu ist jetzt die Ansage: Serienmodell 2027. Auf der deutschen Honda-Website kann man sich bereits für Infos registrieren, Projektleiter ist Albert Erlacher, Motorradchef bei Honda Motor Europe in Frankfurt.

Wie viel Honda steckt drin?

Hier wird es interessant. Der Carbonrahmen wurde zusammen mit Rotwild entwickelt, genauer mit dessen Engineering-Sparte ADP. Am Ausstellungsbike arbeitet ein Shimano-Motor der EP8-Familie, vorne steckt eine Fox 36, die Laufräder sind als Mullet aufgebaut. Markantestes Teil ist die riesige Hinterbauschwinge, die Honda „Gullarm“ nennt. Akku, Gewicht, Preis, Name und Märkte: alles offen.

In den internationalen Kommentarspalten fällt die Reaktion entsprechend kühl aus. Rider fragen, ob das am Ende ein Rotwild mit Honda-Logo wird. Andere bemängeln offen liegende Umlenkhebel, fehlende Flaschenhalterung und erinnern daran, dass Honda schon einmal ausgestiegen ist.

Wir sehen das differenzierter. Dass Honda mit einem erfahrenen Hersteller aus Deutschland baut statt alles selbst zu erfinden, ist eher ein gutes Zeichen. Viele Autohersteller haben in den letzten Jahren ihr Logo auf beliebige E-Bikes geklebt. Das hier wirkt ernsthafter.

Ein Motorradlogo am Unterrohr macht noch kein besseres Bike. Entscheidend ist, was drunter steckt.

Ducati: Vollgas mit Avinox

Konkreter ist Ducati. Das DM-160 R kommt im Oktober 2026 für 7.990 Euro. Gebaut wird es von der italienischen Gruppo Zecchetto, angetrieben vom DJI Avinox M2S mit bis zu 1.300 Watt Spitzenleistung und 130 Nm, im Boost-Modus sogar 150 Nm. Dazu 800 Wh Akku, 160 mm Federweg, RockShox ZEB, SRAM Eagle 90 Transmission und ein 64-Grad-Lenkwinkel.

Das ist ein ernsthaftes Enduro-E-MTB, keine Designstudie. Aber es zeigt auch, in welche Richtung die Motorradmarken ziehen: mehr Watt, mehr Drehmoment, mehr Akku. Genau die Spirale, über die wir in den letzten Wochen mehrfach geschrieben haben.

Die eigentliche Frage

Motorradmarken bringen drei Dinge mit: einen großen Namen, viel Erfahrung mit Elektroantrieben und ein dichtes Händlernetz. Gerade Letzteres könnte für Einsteiger ein echter Vorteil sein, denn viele Bike-Werkstätten sind am Limit. Ob ein Motorradhändler allerdings eine Gabel servicen oder einen Hinterbau einstellen kann, ist eine ganz andere Frage.

Das Risiko liegt woanders. Wenn Marken, deren Kern Leistung und Geschwindigkeit ist, das E-MTB als „Motorrad light“ verkaufen, landet am Trail mehr Gewicht, mehr Tempo und mehr Konflikt. Und dann wird die Diskussion um Wegeregeln, die wir gerade in Baden-Württemberg führen, nicht leichter.

Honda wirbt übrigens selbst mit einem alten Konstruktionsprinzip: „Man Maximum, Machine Minimum“, also maximal Mensch, minimal Maschine. Wenn Honda das ernst meint, könnte daraus genau das E-MTB werden, das wir uns wünschen: leicht, wartbar, mit dem Fahrer im Mittelpunkt statt dem Motor.

Honda wirbt mit „Mensch maximal, Maschine minimal“. Wir nehmen sie beim Wort.

Mehr Moped, weniger Bike? Noch nicht. Ducati liefert ein starkes, teures Enduro-E-MTB, das sich am Leistungswettrennen beteiligt. Honda liefert bisher vor allem eine Ankündigung, einen deutschen Entwicklungspartner und viele offene Fragen. Spannend wird es 2027, wenn Gewicht, Motor und Preis auf dem Tisch liegen. Bis dahin gilt: Name ist nicht gleich Bike. Wir bleiben dran.

Published by Radical Life Studios / MTB Report


Bisher gibt es keine Kommentare!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert