Wie Avinox in zwei Jahren die eMTB-Industrie auf links gedreht hat — und was die Holdouts uns verraten.

„1.500 Watt. 150 Nm. Gleiche Motorabmessungen. Das ist kein Update — das ist ein Statement.“

Der Launch: Ein koordinierter Erdrutsch

Am 9. April 2026 hob Avinox das Embargo. Was danach folgte, war in der eMTB-Industrie so noch nicht zu beobachten: Binnen 48 Stunden verkündeten über 20 Marken neue Bikes mit dem M2S oder M2. Amflow, Atherton, Commencal, Canyon, Forbidden, Megamo, Mondraker, Pivot, Propain, Rotwild, Whyte — die Liste liest sich wie ein Who’s Who des performance-orientierten eMTB-Segments.

Insgesamt nennt Avinox mehr als 60 OEM-Partner. Das ist keine Zufallskoalition — das sind Monate koordinierter Produktentwicklung hinter einem DJI-Embargo, das selbst hartgesottenen Journalisten graue Haare beschert hat. Ferdinand Wolf, Product Experience Director bei Avinox, fasste es nüchtern zusammen: Mit dem M1 haben wir Rückenwind gespürt. Jetzt wollen wir den Status quo dauerhaft verschieben.

Was der Motor wirklich liefert

Der M2S ist kein inkrementelles Update. Wer nach zwei Jahren auf die Zahlen schaut, vom M1 mit 1.000W und 120Nm zum M2S mit 1.500W und 150Nm, erkennt einen Sprung, der bei anderen Antriebsherstellern eine ganze Produktgeneration dauern würde. Die Leistungsdichte ist um 45% gestiegen, das Gewicht praktisch identisch geblieben: 2,59 kg für den M2S, 2,65 kg für den M2.

Technisch sind die Änderungen substanziell. Statt gerader Zahnräder wie im M1 setzt der M2S auf ein Dual-Gear-Meshing-Design, das eliminiert sowohl das Getriebeknattern beim Freilauf als auch den gefürchteten Pedal-Kickback. Flachdraht-Wicklungen ersetzen die Runddraht-Spulen und erhöhen die Kupferfülldichte im Stator, was direkt in mehr Drehmoment bei gleicher Baugröße resultiert. Neu integrierte Temperatursensoren und Kühlrippen sollen Throttling unter Last reduzieren, ein Problem, das den M1 bei langen Hochleistungspassagen gelegentlich plagte.

Der volle 1.500W-Boost ist jedoch an eine Bedingung geknüpft: Er erfordert die neue FP700-Batterie mit ihren custom-entwickelten Großformatzellen. Im Gegensatz zur Industrie-Standard-21700-Technologie nutzt Avinox hier nur zehn großformatige Zellen in Reihenschaltung, was einen ausgesprochen schmalen Unterrohrquerschnitt erlaubt und optisch an Light-E-MTBs erinnert. Kapazität: 700 Wh bei 3,18 kg. Ladezeit 0–80%: 76 Minuten via GaN-Schnelllader.

„Wer regelmäßig in den Boost greift, braucht entweder kurze Ausfahrten oder viel Geduld an der Steckdose.“

Die Holdouts: Strategie oder Zögern?

Die interessanteste Geschichte dieser Woche schreiben nicht die Brands, die dabei sind. Die interessanteste Geschichte schreiben Trek, Specialized, Santa Cruz, Yeti Cycles, Rocky Mountain, Transition, Norco und Haibike, die Brands, die demonstrativ abwesend sind.

Specialized und Giant haben gute Gründe: Beide setzen auf proprietäre Antriebe. Spezialized auf den Turbo Full Power SL und den eigenen Brose-Ableger, Giant auf den SyncDrive. Für diese Unternehmen ist ein Wechsel zu Avinox kein Lieferantenentscheid, sondern ein strategischer Rückzug aus dem eigenen Ökosystem, inklusive Garantieprogramm, Werkstattnetz und Margen. Das wird nicht passieren.

Bei Trek, Santa Cruz und Rocky Mountain ist die Situation komplexer. Alle drei stehen in tiefen Bosch-Partnerschaften, und Bosch ist für ihre Händlernetze ein Qualitäts- und Verlässlichkeitssignal, das über Motorleistung hinausgeht. E-MTB Magazine brachte es auf den Punkt: Die Avinox-Welle kommt primär von kleineren, beweglicheren Marken. Die großen Volumenplayer bleiben vorsichtig.

Ob das Kalkül oder Zögern ist, wird sich im Laufe des Jahres zeigen. Was sicher ist: Mit jedem Monat, den Canyon, Mondraker oder Forbidden Avinox-Bikes ins Regal stellen, wird der Druck auf die Holdouts größer. Nicht wegen der Wattzahlen, sondern wegen der Verkäufe.

Das Regulierungsthema: Der Elefant im Raum

1.500 Watt Spitzenleistung. Das ist offiziell das 6-fache der EU-EPAC-Grenze von 250W Dauerleistung. Avinox löst das Problem wie beim M1: per Software-Limitierung auf 250W Nennleistung im Normalbetrieb, Peak-Boost nur zeitbegrenzt aktivierbar. Mehrere Quellen bestätigen, dass der M2S regulatorisch als EPAC klassifiziert bleibt.

Das ändert nichts an der praktischen Realität: Mit 1.300W im Turbo-Dauerbetrieb und 1.500W im 60-Sekunden-Boost liefert dieses System mehr als ein Scooter mit 50ccm. Auf technischen Trails ist das Potenzial enorm, und die Verantwortung liegt beim Fahrer. Ride-MTB fasste den Vergleich nüchtern zusammen: Im Boost-Modus erreicht der M2S Drehmomentwerte, die mit denen der Ducati Desmosedici GP25 vergleichbar sind. Dass das Fahrrad dabei im Sinne der Straßenverkehrsordnung ein EPAC bleibt, ist mehr eine juristische als eine physikalische Aussage.

Für wen ist das?

Die ehrliche Antwort: nicht für jeden. Wer 70% seiner Zeit auf moderaten Trails verbringt und selten in den Boost greift, wird den Unterschied zum M1 kaum spüren. Velomotion stellte im Test fest, dass der M2S auf technischen Uphills überragend ist, auf gemäßigterem Terrain aber weniger Differenz zum Vorgänger zeigt als die Zahlen vermuten lassen.

Der M2S ist ein Werkzeug für steile, lange Aufstiege, für Fahrer, die ihren Uplift selbst machen wollen. Es ist ein Werkzeug für Enduro-Wochenenden mit 2.000 Höhenmetern Aufstieg. Und es ist ein Statement: DJI baut seine Drohnen mit derselben Ingenieurslogik, mit der andere Leute Motorräder bauen — Power-to-Weight als Designphilosophie.


Avinox hat in zwei Jahren etwas geschafft, das Bosch in einem Jahrzehnt Marktführerschaft nie provoziert hat: echte Performance-Konkurrenz. Nicht durch Marketing, sondern durch Hardware. Der M2S ist nicht perfekt, das Zusammenspiel von Boost und Akkuleistung stellt hohe Anforderungen ans System, und die Software-Feinheiten bei Drehmomentübergaben sind noch nicht auf Bosch-Niveau.

Aber der Markt hat abgestimmt. 60+ Marken in zwei Jahren sind kein Zufall. Die Frage ist nicht mehr ob Avinox die Industrie verändert, sondern wie lange die Holdouts noch warten.


■ M2S    Flagship — 1.500W / 150Nm (Boost)    ■ M2    Mid-Range — 1.100W / 125Nm (Boost)

MARKEMOTORMODELLTRAVELPREIS (UVP)
AmflowM2SPX Carbon Pro160/150 mm£8.999 / €9.999 / $10.199
AmflowM2SPX Carbon160/150 mm£6.499 / $7.999
AmflowM2SPR Carbon Pro160/150 mm£5.399 / $6.799 / €5.899
AmflowM2PR Carbon160/150 mm£3.999 / $4.999 / €4.499
AthertonM2SS.170E180/170 mmab £6.999 / €8.549
BHM2SiLynx+ DL Enduro Carbon160/150 mmauf Anfrage
CanyonM2SSpectral:ON (Avinox)150 mmTBA
CommencalM2SMeta Power SX (Tier 1+2)170/160 mmab £6.600 / bis £10.450
CommencalM2Meta Power SX (Tier 3+4)170/160 mmab £6.600
CrestlineM2/M2STBATBA
CrussisM2e-Full 12.11-PRO X160 mmTBA
ForbiddenM2SDruid E Tier 1160/150 mm$12.699 / £10.799
ForbiddenM2SDruid E Tier 2160/150 mm$10.299 / £8.899
ForbiddenM2Druid E Tier 3160/150 mm$8.599 / £7.499
ForbiddenM2Druid E Tier 4160/150 mm$8.599 / £7.499 (600Wh)
Lee CouganM2SFlö160/160 mmTBA
MegamoM2SReason CRB160/160 mm€10.999
MegamoM2SReason AL160/160 mmauf Anfrage
MondrakerM2SZendit RR170/165 mm£7.399
MondrakerM2SZendit XR170/165 mm£10.999
OrangeM2STBA (Enduro)165 mmTBA
PivotM2SShuttle AMPD160/150 mm$9.499 – $14.499 / €11.999
PropainM2/M2SEkano 3 AL Enduro160/160 mmab ~€5.499
RaymonM2STarok Pro160/150 mm€5.999
RaymonM2STarok Ultimate160/150 mm€9.999
RotwildM2SR.EXC / RE XC900150 mmauf Anfrage
SteppenwolfM2/M2SThundra 10.0160 mmTBA
TeewingM2/M2STBATBA
ThömusM2SOberrider170/140 mmab CHF 5.490
UnnoM2SMith Evo160/150 mmauf Anfrage
VelduroM2SRogue165/155 mmauf Anfrage
WhyteM2SKarve EVO S180/180 mm£5.650 / €6.399
WhyteM2SKarve EVO RSX180/180 mm£7.299 / €8.399
YTM2SDecoy X (Launch Ed.)170/160 mm£8.499

* TBA = noch keine Preise/Details zum Launch-Zeitpunkt kommuniziert. Canyon Spectral:ON Avinox-Version noch nicht offiziell gelistet, aber in Entwicklung bestätigt.


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