Manchmal liegen die besten Spots direkt vor der Haustür. Der Schönbuch ist so ein Ort. Kein Bikepark mit Liftanlage, kein Instagram-Hotspot mit Warteliste. Sondern ein riesiger Naturpark, der älteste in Baden-Württemberg, der sich südlich von Stuttgart in die Landschaft schiebt und den Wenigsten wirklich vertraut ist, obwohl sie täglich an ihm vorbeifahren.

Wer hier reinfährt, merkt schnell: Das ist kein Ausflug. Das ist eine andere Welt.


Der Schönbuch — mehr als nur Wald

Der Schönbuch ist der älteste Naturpark in Baden-Württemberg, eine Tatsache, die vielen Locals gar nicht bewusst ist. Das Gebiet erstreckt sich über weite Teile zwischen Stuttgart, Tübingen und Herrenberg, ist dicht bewaldet, hügelig und erstaunlich ruhig für seine Lage mitten im Ballungsraum.

Für MTBler bedeutet das: Trails, die sich durch echten Wald schlängeln. Kein Forststraßen-Einheitsbrei, sondern Singletrails mit Charakter. Und das Beste daran, ein wachsendes Netzwerk davon ist inzwischen offiziell legal. Eine Community, die seit Jahren kämpft, Unterschriften sammelt und in Handarbeit baut, hat hier etwas bewegt.


Der Schönbuchturm — Pflichtprogramm, bevor du in den Trail einbiegst

Wer das erste Mal in den Schönbuch kommt, sollte oben anfangen. Buchstäblich.

Der Schönbuchturm ist ein 35 Meter hoher Aussichtsturm auf dem Stellberg nordöstlich von Herrenberg, getragen von acht sich kelchartig aufspreizenden Masten aus verleimtem, heimischem Lärchenholz, verspannt durch ein Stahlseilnetz. Das klingt nach Ingenieurbüro-Romantik, sieht aber verdammt gut aus. Die Konstruktion wirkt leicht, fast schwebend, und passt trotzdem perfekt in die Landschaft.

Der Standort liegt auf 580 Metern über NN. 174 Stufen führen hinauf, 174 hinunter, über drei Plattformen auf 10, 20 und 30 Metern Höhe. Oben angekommen: Die Aussicht reicht über die Ebenen von Heckengäu und Korngäu, große Teile des Schönbuchs, die Schwäbische Alb und bei guter Sicht bis zum Schwarzwald. An klaren Tagen soll man sogar den Feldberg ausmachen können,105 Kilometer Luftlinie.

Eintritt kostenlos. Zugänglich von Sonnenaufgang bis Einbruch der Dunkelheit. Parkplatz direkt am Naturfreundehaus, fünf Minuten Fußweg zum Turm. Kein Grund, es nicht zu machen.


Direkt daneben: Naturfreundehaus Herrenberg

Wer nach dem Aufstieg Hunger hat und das wird man nach 348 Stufen, muss nicht weit laufen. Das Naturfreundehaus liegt direkt am Rand des Naturparks und verwöhnt seine Gäste mit frischer, regionaler Küche, selbstgebackenem Brot und hausgemachten Kuchen. Kein Systemgastronomie-Einheitsbrei, sondern echtes Essen an einem echten Ort.

Eine gemütliche Gaststube, ein idyllischer Biergarten und eine Wald-Lounge laden nach der Tour zum Entspannen ein. Der Biergarten ist das Herzstück, im Sommer nach einer langen Ausfahrt, Radl anlehnen, Bier bestellen, Stille genießen. Das Naturfreundehaus ist Montag und Dienstag geschlossen, an allen anderen Tagen ein verlässlicher Anlaufpunkt.

Für alle, die übernachten wollen: Das Haus liegt nur drei Kilometer von Herrenberg entfernt und bietet Zimmer für Gruppen, Sportvereine und Familien. Eine gute Basis für ein MTB-Wochenende im Schönbuch.


Runter ins Siebenmühlental

Vom Schönbuch führt der Weg natürlich ins Tal, ins Siebenmühlental. Das Tal zwischen Waldenbuch, Steinenbronn und Leinfelden-Echterdingen ist für MTBler seit Jahren ein offenes Geheimnis. Trails gibt es hier schon lange, die meisten davon unoffiziell, geduldet, von Locals gebaut und gepflegt. Das ändert sich gerade. Die Region wächst zu einem echten, legalen Trail-Netzwerk zusammen.

Und wer Waldenbuch hört, denkt vielleicht zuerst an etwas anderes: In Waldenbuch ist RITTER SPORT zuhause, bei Tiefdruck liegt feiner Schokoladenduft über der Stadt. Kein Witz. Die Schokoladenfabrik ist nicht zu übersehen, und der Brezel-Trail liegt buchstäblich ums Eck.


Der Brezel-Trail — Community-Geschichte in 600 Metern

Der Brezel-Trail ist der erste offiziell genehmigte MTB-Trail des MTB Stuttgart e.V., Ortsgruppe Siebenmühlental, initiiert von Maurice Pohlen, der mit 600 gesammelten Unterschriften den Grundstein legte.

600 Meter Länge. Vom Weilerberg hinunter zum Fischerverein am Rohrwiesensee. Geshapte Anlieger, Airtime-Sprünge, ein flowtechnisch sehr sauber gebauter Trail. Kurz, ja. Aber wer ihn kennt, weiß: Der Trail ist nicht das Produkt. Das Produkt ist, was dahintersteckt. Eine Community, die sich nicht damit abgefunden hat, dass MTB im Wald immer illegal sein muss. Die stattdessen Unterschriften gesammelt, Behörden überzeugt und in Eigenleistung gebaut hat.

Das ist der eigentliche Mehrwert dieses Trails. Nicht die 600 Meter. Sondern das, was sie bedeuten.


SpätzLE und FlädLE — das Netzwerk wächst

Ein paar Kilometer weiter, im Stadtwald von Leinfelden-Echterdingen, setzen SpätzLE-Trail und FlädLE-Trail die Geschichte fort. Vier Jahre dauerten Planung und Realisierung, am Ende entstanden zwei legale Trails ins Siebenmühlental, jeweils rund einen Kilometer lang.

Beide starten vom Wanderparkplatz Alte Poststraße in Echterdingen und lassen sich wunderbar zu einer Session kombinieren. Der FlädLE ist der zugänglichere von beiden, offen, kurvenreich, sanftes Gefälle. Der SpätzLE hat mehr Anlieger, mehr Flow, mehr Tempo. 90 Prozent der Baumaßnahmen wurden in reiner Handarbeit ausgeführt. Schaufeln, Sägen, Rechen. Kein schweres Gerät. Das spürt man.


Der Schönbuch ist kein Bikepark. Es gibt keinen Shuttle, keine Liftanlage, kein Catering-Zelt mit Craft Beer und Bananen. Aber er hat etwas, das viele Bikeparks nicht haben: echten Wald, echte Trails, und eine echte Community im Hintergrund, die dafür gesorgt hat, dass man hier legal fahren kann.

Schönbuchturm, Naturfreundehaus, Brezel-Trail, SpätzLE, FlädLE, das ist kein Programm für einen Tag. Das ist ein Programm für ein Wochenende. Und für all jene, die in der Region wohnen: Ihr habt das direkt vor der Haustür. Nutzt es.


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