Ein Baumstamm wird abgesägt, ein Stein ausgegraben, eine Kehre abgekürzt. Weltweit streitet die Community gerade darüber, wer Trails einfacher macht und warum. Für Einsteiger ist die Antwort unbequem und gleichzeitig eine Chance.
von Robert Langer
Die Geschichte ist banal und genau deshalb so typisch. Auf einem Trail in North Carolina liegt ein Baumstamm quer, dahinter eine steile Steinstufe. Man muss die Geschwindigkeit kontrollieren, leicht rechts anfahren, das Vorderrad über den Stamm heben. Kein Hexenwerk, aber ein kleines Rätsel, das man lösen will. Zwei Wochen später ist der Stamm weg. Jemand, nicht der Erbauer, hat ihn mit der Kettensäge entfernt. Seitdem kann man die Stelle mit geschlossenen Augen fahren.
Ende September hat ein bekannter US-Bikejournalist diese Szene erzählt, und die internationale Community hat sich darauf gestürzt. Hunderte Kommentare, hitzige Diskussionen, gegenseitige Vorwürfe. Sein Vergleich trifft einen Nerv: Wer an einem Trail Hindernisse entfernt, weil sie ihm zu schwer sind, macht dasselbe wie ein Kletterer, der Griffe in eine Route meißelt, damit er hochkommt.
| Wer ein Hindernis absägt, weil es ihm zu schwer ist, nimmt allen anderen den Moment, in dem sie es endlich schaffen. |
Pflege oder Glattbügeln? Der Unterschied ist wichtig
Bevor jemand zur Säge oder zur Schaufel greift oder sich über andere aufregt: Nicht jede Veränderung ist Vandalismus. Trails leben. Kurven werden nachgeshapet, ausgewaschene Rinnen bekommen eine neue Linie, Wasser muss vom Trail runter. Viele erfahrene Trailbauer in der Diskussion betonen genau das. Ein Trail, der über Jahre ausgefahren ist, mit tiefen Löchern, losen toten Wurzeln und Bremswellen, ist nicht schwerer, sondern einfach kaputt. Ihn wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu bringen, ist Pflege.
Glattbügeln ist etwas anderes. Glattbügeln heißt: Ein Abschnitt war absichtlich anspruchsvoll gebaut, und jemand ohne Auftrag macht ihn einfacher, weil er selbst nicht drüberkommt. Wurzeln raus, Steine weg, Stufen aufgeschüttet, Kehren abgekürzt. Oder es entsteht neben jeder Schlüsselstelle eine wilde Umfahrung. Die wird erst schmal getreten, dann breiter, dann kommt die nächste. Am Ende ist aus einem Singletrail eine Schneise geworden, und das Wasser freut sich über den neuen Abflusskanal.
Sind die E-Bikes schuld?
An dieser Frage entzündet sich die Debatte am heftigsten. Ein Teil der Community sagt: Früher hat man sich den Berg hochgekämpft und unterwegs gelernt, wie man fährt, flickt und sich verhält. Wer heute mit Motor in kurzer Zeit oben ist, steht vor Abfahrten, für die er fahrtechnisch noch nicht bereit ist, und kennt die ungeschriebenen Regeln der Szene noch nicht. Andere halten dagegen: Trails wurden schon glattgebügelt, als es noch gar keine E-Bikes gab, von Strava-Jägern, Rennfahrern auf der Suche nach der schnellsten Linie, von Shuttle-Gruppen.
Unsere Sicht: Das Werkzeug ist nicht das Problem, der Mensch ist es. Aber ein Werkzeug, das den Zugang leichter macht, bringt mehr Menschen schneller an Stellen, die Erfahrung voraussetzen. Darauf muss die Szene reagieren, mit Aufklärung statt mit Feindbildern. Viele der besten Fahrer und Trailbauer, die wir kennen, sitzen heute selbst auf einem E-MTB und würden nie einen Stamm absägen.
Warum das in Deutschland besonders weh tut
In Nordamerika ist ein verdorbener Trail ärgerlich. In Deutschland kann er politisch teuer werden. Legale Trails sind hierzulande selten, in Baden-Württemberg schränkt die 2-Meter-Regel das Fahren auf schmalen Wegen ein. Fast jeder legale Trail ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit eines Vereins oder einer Initiative, mit Genehmigungen, Verträgen mit dem Waldbesitzer und einer Versicherung, die im Schadensfall geradestehen muss.
Wer auf so einem Trail eigenmächtig etwas verändert, greift in eine Anlage ein, für die andere verantwortlich sind. Das gilt in beide Richtungen. Wer Schlüsselstellen entschärft, zerstört das, wofür die Erbauer gekämpft haben. Wer ohne Absprache neue, schwerere Features baut, schafft eine Gefahr, von der niemand weiß. In der US-Diskussion berichten Fahrer von schweren Stürzen an Stellen, die über Nacht ohne Ankündigung umgebaut worden waren. Beides kann Genehmigungen gefährden. Und beides ist nicht unsere Entscheidung, sondern die der Leute, die den Trail tragen.
| Ein legaler Trail gehört nicht dem, der ihn gerade fährt. Er gehört denen, die für ihn geradestehen. |
Eine gemeinsame Sprache: die Singletrail-Skala
Ein Grund für Frust ist oft, dass Erwartung und Trail nicht zusammenpassen. Dafür gibt es die Singletrail-Skala, entwickelt von Carsten Schymik, David Werner und Harald Philipp und im deutschsprachigen Raum weit verbreitet. Sie teilt Trails in sechs Stufen von S0 bis S5 ein. Blau steht für sehr leicht und leicht (S0 und S1), Rot für mittel (S2), Schwarz für schwer bis extrem (S3 bis S5). Wichtig ist der Zusatz, der oft übersehen wird: Ein Trail kann insgesamt S2 sein und trotzdem zwei S3-Passagen haben. Genau diese Passagen sind die Stellen, die man schieben darf, aber nicht umbauen sollte.
Was du als Einsteiger tun kannst
- Absteigen ist keine Schande. Schieben ist die normalste Sache der Welt. Jeder, der heute eine Stelle sauber fährt, hat sie irgendwann geschoben.
- Anschauen, nicht abkürzen. Steig ab, schau dir die Linie an, schieb runter. Komm nächste Woche wieder. Das Gefühl, eine Stelle zum ersten Mal zu schaffen, ist unbezahlbar.
- Offizielle Umfahrungen nutzen, keine neuen treten. Eine ausgeschilderte B-Linie ist Teil des Trails. Eine selbst getretene Umfahrung ist ein Erosionsschaden.
- Gezielt üben. Ein Fahrtechnikkurs, ein Pumptrack oder ein einfacher Übungsparcours bringen dich schneller weiter als jede Abkürzung.
- Melden statt machen. Wenn dir eine Stelle wirklich gefährlich vorkommt, sag dem Verein oder der Initiative Bescheid, die den Trail betreut.
- Mitbauen. Fast jeder Trailverein freut sich über Leute beim Bautag. Wer einmal geschaufelt hat, sieht Trails mit anderen Augen und fährt meistens auch besser.
Auch die Erbauer sind gefragt
Ein fairer Punkt aus der Debatte richtet sich an die andere Seite. Viele Trailnetze bieten nur zwei Extreme: sehr einfache Flowtrails und Profi-Linien. Dazwischen fehlt oft die Stufe, auf der man wachsen kann. Wer Einsteigern sagt „übt halt“, muss ihnen auch etwas zum Üben hinstellen. Ein guter Trailmix hat leichte, mittlere und schwere Linien, damit niemand versucht ist, das Schwere für sich passend zu machen.
Unsere Haltung
Wir sagen seit Jahren: Bauen schlägt Verbieten. Das heißt auch, dass gebaut werden muss, was Menschen tatsächlich fahren wollen, vom ersten Flowtrail bis zur kniffligen Wurzelpassage. Und es heißt, dass wir pflegen, was andere gebaut haben, statt es nach unserem Können umzuformen. Schwere Stellen sind kein Hindernis für Einsteiger. Sie sind das Ziel, auf das man hinarbeitet.
| Mehr Bike, weniger Moped. Und mehr Übung, weniger Säge. |
Published by Radical Life Studios / MTB Report
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