Ein Fan seit den Neunzigern schaut ins neue Programm und findet nur noch E-Bikes. Sein Abschiedspost trifft einen Nerv. Wir haben nachgezählt, was der Markt wirklich sagt, und wo Einsteiger ihr erstes Bike ohne Motor heute noch finden.
von Robert Langer
Der Beitrag beginnt mit einem Wort, das man in Technikforen selten liest: traurig. Ein langjähriger Focus-Fahrer erzählt, wie er sich über die Jahre von Black Hills und Black Forest bis zum Raven hochgearbeitet hat. Jetzt sucht er ein zweites Carbon-Hardtail, schaut ins aktuelle Programm und findet keins. Nur E-Bikes. Sein Thread trägt den Titel „Tschüss Focus“, und nach zwei Tagen läuft er schon auf der zweiten Seite.
Die Reaktionen sind so gespalten wie die Szene selbst. Die einen zucken mit den Schultern: Hersteller bauen, was gekauft wird, und gute Hardtails gibt es an jeder Ecke. Andere erzählen, dass ihnen ein klassisches Mountainbike auf dem Hometrail inzwischen richtig selten begegnet. Wieder andere bauen sich ihr nächstes Rad lieber selbst, aus einem Stahlrahmen oder einem Carbon-Rahmen direkt aus Fernost.
Was Focus tatsächlich angekündigt hat
Der Abschied kam nicht über Nacht, er stand schon im August in der Pressemitteilung, nur hat ihn kaum jemand so gelesen. Focus streicht für das Modelljahr 2027 das hochgestellte „²“ aus den Namen seiner E-Mountainbikes. Aus JAM², SAM² und THRON² werden JAM, SAM und THRON. Die Begründung ist bemerkenswert ehrlich: Es wird keine gleichwertigen Bikes ohne E-Antrieb mehr geben. Das Quadrat war einmal das Erkennungszeichen dafür, dass es ein Modell auch in der Variante mit Motor gibt. Wenn es nur noch die Variante mit Motor gibt, braucht es kein Quadrat mehr.
Wer bei Focus ins Gelände will, landet damit bei Bosch-Antrieb und Akku. Der günstigste Einstieg ist das THRON 7 für 3.699 Euro. Rennrad und Gravelbike baut die Marke weiter ohne Motor, im Mountainbike-Programm ist dieses Kapitel zu.
| Das Quadrat stand für: gibt es auch mit Motor. Jetzt gibt es nur noch den Motor. |
Die Zahlen: Focus ist nicht allein, Focus ist nur ehrlich
Man kann sich über Focus ärgern. Man sollte aber auch auf den Markt schauen, in dem die Marke verkauft. Laut den Marktdaten des Zweirad-Industrie-Verbands wurden 2025 in Deutschland rund 793.500 Mountainbikes verkauft. Davon hatten 741.000 einen Motor. Ohne Motor waren es 52.500 Stück. Das ist ungefähr jedes fünfzehnte Mountainbike. Ein Jahr zuvor waren es noch 54.000 von 874.000.
Auch der Preis erklärt einiges: Ein Fahrrad ohne Motor kostete 2025 über alle Verkaufskanäle im Schnitt 500 Euro, ein E-Bike 2.550 Euro. Für einen Hersteller mit eigener Entwicklung, eigenem Händlernetz und eigenem Marketing ist die Rechnung schnell gemacht. Ein Forumsnutzer bringt es nüchtern auf den Punkt: Es gebe keine böse Industrie, die uns etwas aufzwingt, ohne Motor verkaufe sich das Mountainbike hierzulande schlicht kaum noch.
Das stimmt. Aber es ist nur die halbe Wahrheit.
Warum das Einsteiger mehr trifft als Veteranen
Der Mann aus dem Forum wird sein Rad finden, das hat ihm die Community in zwei Tagen gezeigt. Er hat 30 Jahre Erfahrung, kennt Marken, Größen und Geometrie. Das Problem sitzt woanders: beim Menschen, der heute zum ersten Mal vor einem Fahrradladen steht und herausfinden will, ob Mountainbiken etwas für ihn ist.
Das klassische Einsteiger-Hardtail war jahrzehntelang die Tür in diesen Sport. Ein Rad mit Federgabel vorne, ohne Hinterbaudämpfer, ohne Akku, für deutlich unter tausend Euro. Damit hat man gelernt, wie sich Wurzeln anfühlen, wie man einen Anstieg einteilt, wie man eine Kette wechselt. Wenn immer mehr Marken diese Tür zumachen, beginnt die Reise für viele erst bei 3.700 Euro. Das hält Leute nicht vom Biken ab, die sowieso wollen. Aber es hält Leute ab, die erst einmal schauen wollen.
| Das Einsteiger-Hardtail war die Tür in diesen Sport. Wer sie zumacht, verliert nicht die Veteranen, sondern die Neugierigen. |
Dazu kommt etwas, das in der Diskussion oft untergeht: Ein Rad ohne Motor ist kein Sportgerät für Puristen. Es ist für viele Menschen schlicht das richtige Werkzeug. Für die Feierabendrunde im Mittelgebirge, für Jugendliche, für alle, die ihr Training bewusst ohne Unterstützung fahren wollen, so wie der Thread-Ersteller, der mit 67 jeden Tag ein bis zwei Stunden bergauf kurbelt, statt ins Fitnessstudio zu gehen.
Wo du dein erstes Bike ohne Motor noch findest
Die gute Nachricht zuerst: Das Hardtail stirbt nicht aus. Es verschwindet nur aus manchen Katalogen. Für Einsteiger heißt das, ein paar Dinge anders zu machen als früher.
- Bei den Großen schauen, die das Segment noch pflegen. Cube hat die Aim-Reihe für 2026 neu sortiert, die Preise liegen laut Hersteller-UVP bei 499, 599 und 699 Euro. Canyon bietet das Grand Canyon an, zum Modellstart 2025 ab 749 Euro. Auch Trek führt mit dem Marlin weiter ein Einsteiger-Hardtail. Preise ändern sich, also vor dem Kauf aktuell prüfen.
- Gebraucht ist kein Notnagel mehr. Aus dem Dienstrad-Leasing kommen immer mehr Räder zurück, aufbereitet und mit Händlerservice. Der ZIV spricht von einer Nachfrage, die kaum zu sättigen ist. Für ein Hardtail ohne Akku ist das Risiko beim Gebrauchtkauf überschaubar.
- Kleine Hersteller ernst nehmen. Einige Nutzer im Thread verweisen auf Nischenmarken und Stahl-Hardtails. Die sind nicht immer billiger, aber oft für genau diesen Zweck gebaut.
- Nicht von Federweg und Optik verführen lassen. Für den Einstieg reichen 100 Millimeter Federweg vorne, hydraulische Scheibenbremsen und eine einfache Schaltung mit einem Kettenblatt vorne. Alles darüber ist Luxus, kein Muss.
Wir haben nichts gegen E-Mountainbikes. Viele von uns fahren selbst eins, und für viele Menschen ist der Motor der Grund, überhaupt wieder in den Wald zu kommen. Das ist gut. Aber ein Markt, in dem die einzige Tür zum Mountainbiken einen Akku hat, ist ärmer. Er ist teurer für Einsteiger, schwerer für Jugendliche und uninteressanter für alle, die den Berg selbst hochwollen.
Focus hat für sich entschieden, und zumindest hat die Marke es offen gesagt. Wer ein Rad ohne Motor sucht, muss bei Focus jetzt nicht mehr suchen. Er muss nur woanders kaufen. Wir hoffen, dass genug andere Hersteller diese Tür offen lassen. Denn am Ende gilt, was wir immer sagen:
| Mehr Bike, weniger Moped. |
Published by Radical Life Studios / MTB Report
- Zu schwer? Dann üben, nicht umbauen: Warum wir Trails nicht glattbügeln dürfen
- Focus streicht das Mountainbike ohne Motor | Stirbt das Einsteiger-Hardtail?
- Mehr Moped, weniger Bike? Honda und Ducati drängen in den E-MTB-Markt.
- Neue Fox-Gabel zum Schnäppchenpreis? Nach dem 400.000-Euro-Einbruch erst prüfen, dann zahlen
- #MTBlive aus dem Studio: Eure Fragen, Gewinnspiel & Ausblick auf Österreich
- Brandnertal: Die Bahn, die dein Bike in die eigene Kabine hängt
- Spanien zieht an: Was Biker seit dem 1. Oktober wissen müssen
- Wir rüsten auf: Mit Starlink Mini live vom Trail
- Zwei Ziehungen bis Weihnachten: So gewinnst du bei #MTBlive
- Zwei Meter Sturheit: Baden-Württemberg hält an der 2-Meter-Regel fest
- Nicht China hat den Markt erobert. Wir haben ihn abgegeben.
- 32 Zoll wird ernst: Musst du jetzt Angst um dein neues Bike haben?












Bisher gibt es keine Kommentare!