Mitten im Land der 2-Meter-Regel bauen Ehrenamtliche in Aalen zusammen mit Stadt und Staatsforst legale Mountainbike-Trails. Gleichzeitig zersägt jemand eine Trail-Sperre, und der Verein vor Ort sagt: Von elf offiziellen Abschnitten sind nur fünf echte Trails. Ein Pilotprojekt, an dem man sehen kann, was „Bauen statt Verbieten“ in der Praxis bedeutet.
von Robert Langer
Warum jeder Trail eine Ausnahme ist
In Baden-Württemberg darfst du im Wald nur auf Wegen fahren, die breiter als zwei Meter sind. So steht es in § 37 Absatz 3 des Landeswaldgesetzes. Jeder schmale Trail, der legal befahrbar sein soll, braucht deshalb eine Ausnahmegenehmigung der zuständigen unteren Forstbehörde. Für Einsteiger heißt das: Ein Singletrail ist in BW nur dann erlaubt, wenn er ausdrücklich freigegeben und beschildert ist.
Genau hier setzt ForstBW an, der landeseigene Forstbetrieb, der rund ein Viertel der Waldfläche im Land bewirtschaftet. In einem Pilotprojekt legt ForstBW in fünf Forstbezirken legale Trails an: Hochschwarzwald, Östliche Alb, Schurwald, Schwäbisch-Fränkischer Wald und Ulmer Alb. Funktioniert das Modell, sollen solche Strecken im ganzen Land entstehen.
Aalen liegt im Forstbezirk Östliche Alb. Im Dezember 2024 eröffnete ForstBW dort gemeinsam mit der Stadt acht Trails, ausgewählt zusammen mit Naturschutz, Landesforstverwaltung und der örtlichen Bike-Community. Im selben Zug wurden einige illegal entstandene Linien gesperrt. Landesweit hatte ForstBW zu diesem Zeitpunkt 24 Trails im Staatswald eröffnet, sieben weitere waren in Vorbereitung. Eine neuere Gesamtzahl haben wir in öffentlich zugänglichen Quellen nicht gefunden.
| Kurz erklärt: Was macht einen Trail legal?Er ist von der unteren Forstbehörde genehmigt (in BW wegen der 2-Meter-Regel nötig), mit Naturschutz und Waldeigentümer abgestimmt, vor Ort beschildert und mit Verhaltensregeln für alle versehen, bei ForstBW „Trailrules“ genannt. Wo gebaut werden darf, entscheidet ein Genehmigungsverfahren, nicht die Schaufel. |
Wer da schaufelt
Gebaut und gepflegt werden die Strecken von der Trailmanufaktur Ostalb. Der Verein wurde im Januar 2026 gegründet, als Zusammenschluss mehrerer Aalener Vereine, darunter die Mountainbike-Abteilungen des SSV Aalen und der TSG Hofherrnweiler-Unterrombach. Die Gründung kam nach Angaben der Beteiligten auch auf Wunsch der Stadt zustande, die einen festen Ansprechpartner für den Trailbau wollte.
Die Arbeit ist ehrenamtlich. Die Stadt stellt das Werkzeug, die Stunden kommen von den Mitgliedern: Nach Vereinsangaben sind bereits einige tausend Arbeitsstunden zusammengekommen. Wie viel Handarbeit in einer einzigen Kurve steckt, zeigt aktuell ein Herstellervideo von Merida. Es begleitet Linus Ott beim Shapen in Aalen, der den Trailbau dort jahrelang als Privatinitiative vorangetrieben hat, bevor daraus der Verein wurde.
Elf Abschnitte, fünf Trails
Auf dem Papier sieht die Bilanz ordentlich aus. Offiziell gibt es in Aalen derzeit elf legale Abschnitte. Der Verein zählt davon aber nur fünf als echte Mountainbike-Trails. Der Rest seien Teilstücke oder Zubringer, die Fahrern keine wirkliche Alternative zu den illegalen Linien bieten.
Dahinter steckt ein Grundsatzproblem. Das erste Konzept, intern Konzept 1.0 genannt, wurde über mehrere Jahre von einem Planungsbüro im Auftrag der Stadt entwickelt und mit den Beteiligten abgestimmt, die Bike-Community eingeschlossen. Getragen hat die Community es laut Verein trotzdem nicht. Deshalb forderte die Trailmanufaktur schon vor Eröffnung der ersten Strecken ein Konzept 2.0. Daran wird jetzt gearbeitet, der Verein sitzt mit am Tisch. Als langfristiges Ziel nannte er im Sommer 15 Trails, eine konkrete Planung gab es da noch nicht.
Ein zweiter Knackpunkt ist das Timing. Nach den ersten Eröffnungen wurden illegale Strecken geschlossen. Der Verein sagt, er habe früh gewarnt, dass Sperrungen und neue legale Angebote zeitlich zusammenpassen müssen. Sonst verpufft die Lenkungswirkung, also genau der Effekt, um den es dem Forst geht.
| „Trails einfach nur zu schließen löst das Problem nicht, sondern verlagert es.“Trailmanufaktur Ostalb |
Dass Lenkung funktionieren kann, belegt der Verein mit einem eigenen Beispiel: Seit am Vierwegzeiger zwischen Aalen und Brastelburg die legale Strecke ausgebaut wurde, fahre auf der alten illegalen Linie dort niemand mehr.
Was der Forst sagt
Auch die Forstseite will ein attraktives Angebot. Olaf Weiher, Forstdezernent des Ostalbkreises, sieht es als Voraussetzung dafür, dass illegale Strecken an Reiz verlieren. Bevor erweitert wird, will er aber zuerst auswerten, wie gut Konzept 1.0 tatsächlich lenkt. Dass es nicht mehr Trails geworden sind, begründet er mit naturschutzrechtlichen Grenzen und den Interessen der Waldeigentümer.
Abgestimmt werden soll weiter am Runden Tisch: mit Forst- und Naturschutzbehörde des Landratsamts, Waldbesitzern, den betroffenen Gemeinden sowie Naturschutz-, Sport- und Tourismusvereinen. Das Format habe sich bewährt, heißt es von Forstseite.
Die Kettensäge im Stadtwald
Anfang Oktober wurde bekannt, dass bei Aalen-Ebnat eine massive Absperrung an einem gesperrten, illegalen Trail durchtrennt worden war, offenbar mit einer Kettensäge. Die Sperre stand am Höllhau-Weg nördlich der B29a im Aalener Stadtwald. SPD-Stadtrat Mario Münzberg brachte den Fall in den Gemeinderat. Wer dahintersteckt, ist nicht bekannt.
Die Trailmanufaktur verurteilt die Aktion scharf und betont, es gebe keine Hinweise darauf, dass Mountainbiker die Täter sind. Solche Aktionen schadeten allen: den Fahrern, die sich für ein legales Netz einsetzen, der Natur und den Waldbesitzern. Schon im Frühjahr hatten Unbekannte am Braunenberg Schilder abmontiert, die Biker von illegalen Pfaden auf die genehmigten Trails leiten sollten.
Für die Einordnung lohnt ein genauer Blick. Wer in Baden-Württemberg auf einem schmalen Pfad fährt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Wer eine Absperrung zersägt, begeht eine Sachbeschädigung, also eine Straftat. Über das eine wird seit Jahrzehnten politisch gestritten. Das andere ist keine Frage der Trailpolitik.
Gegenwind gibt es auch
Nicht alle in Aalen wollen mehr Trails. 2024 sammelte eine Bürgerinitiative Unterschriften gegen einen geplanten Trailpark am Langert rund um den Ostalb-Skilift, aus Sorge um Spaziergänger und Natur. Die Stadt hatte dafür eine Machbarkeitsstudie für rund 17.000 Euro in Auftrag gegeben, der Gemeinderat ging die Pläne danach nur schrittweise an. Anfang 2026 kam erneut Kritik von Wanderern und Naturschützern, diesmal am Umbau des Anaconda-Trails am Langert, einer der ältesten Linien im Stadtgebiet. Die Arbeiten laufen im Rahmen des von der Stadt verabschiedeten Mountainbike-Konzepts.
Auch innerhalb der Szene ist das Bild nicht einheitlich. Wie Rider in einschlägigen Foren berichten, haben manche auf der Alb als Jugendliche selbst Linien in den Wald gegraben, ohne jemanden zu fragen, weil der Ärger um die 2-Meter-Regel auf Wanderwegen zu groß war. Vereinsaktive aus anderen Regionen schildern das Gegenstück: Locals, die ihre selbstgebauten Trails als Privatsache sehen und jede Zusammenarbeit mit Verein oder Forst ablehnen. Beides gehört dazu, wenn man verstehen will, warum Legalisierung so zäh ist.
Wo das Geld hinfließt
Aalen versteht sich als Mountainbike-Stadt. Sichtbarstes Zeichen ist der UCI-Eliminator-Weltcup in der Innenstadt, ein Sprintformat mit K.-o.-Läufen auf einem kurzen Stadtkurs. Die Stadt fördert das Rennen mit rund 95.000 Euro plus Mehrwertsteuer pro Ausgabe und hat es bis 2029 gesichert, der Veranstalter bot dafür zehn Prozent weniger Zuschuss an. Bis 2029 summiert sich die Förderung nach Angaben aus dem Gemeinderat auf rund 800.000 Euro über acht Jahre, Mehrwertsteuer inklusive. 2025 kamen laut Oberbürgermeister rund 15.000 Besucher an zwei Tagen.
Wie viel öffentliches Geld in Bau und Pflege der Trails fließt, ist dagegen nirgends öffentlich beziffert. Bekannt ist nur, dass die Stadt Werkzeug stellt und der Rest ehrenamtlich läuft. In der Szene wird das als Schieflage kritisiert. Ob es tatsächlich eine ist, lässt sich ohne Zahlen zum Trailbudget nicht seriös beurteilen.
Warum das so ist
Aalen zeigt im Kleinen, warum legale Trails in Baden-Württemberg so mühsam sind. Wegen der 2-Meter-Regel ist jeder Trail eine Ausnahme. Jede Ausnahme muss durch Naturschutzrecht, Eigentümerinteressen und politische Abstimmung. Am Ende stehen Kompromisse, die rechtlich sauber sind, aber nicht immer das, was Fahrer suchen. Fahren die Leute dann weiter auf den alten Linien, sperrt der Forst, und der Kreislauf beginnt von vorn.
Der Vierwegzeiger zeigt die andere Richtung: Wo die legale Strecke gut ist, verschwindet die illegale von allein. Der Hebel ist also weniger die Zahl der Trails als ihre Qualität. Daran wird sich Konzept 2.0 messen lassen müssen, und in diesem Punkt sind sich Verein und Forst bemerkenswert einig.
Einiges bleibt offen: wie viele Trails ForstBW landesweit inzwischen betreibt, wann Konzept 2.0 steht, wie viel Geld in den Trailbau fließt und wer die Sperre bei Ebnat zersägt hat. Diese Punkte lassen wir bewusst offen, statt sie zu schätzen.

Die Frage ist: Bringt Konzept 2.0 genug attraktive Trails, bevor weitere Sperrungen die Lenkung wieder aushebeln?
Du fährst in einer der anderen Pilotregionen, im Hochschwarzwald, im Schurwald, an der Ulmer Alb oder im Schwäbisch-Fränkischen Wald? Schreib unten in die Kommentare, wie die legalen Trails bei dir angenommen werden.
Published by Radical Life Studios / MTB Report
- Wintersperre für Biker: Was ab 1. November gilt und wo du noch fahren darfst
- Bosch Mobility wird GmbH: Für deinen Motor ändert sich erst mal nichts
- Aalen baut legale Trails: Elf Abschnitte, fünf echte Trails
- Biken im Österreich-Urlaub: Warum du auf der Forststraße oft nicht fahren darfst
- Freie Forststraßen für Biker in Österreich? Warum es für das Volksbegehren eng wird
- Spiel an der Motoraufhängung: Bosch beantwortet unsere Fragen
- Das Watt-Wettrüsten: Wo der Streit um E-MTB-Motoren steht und was Biker wirklich wollen
- Black Friday fürs Bike: Der Rabatt kommt vom Modellwechsel, nicht vom Aktionstag
- Marke insolvent? So sicherst du Garantie und Ersatzteile für dein Bike
- Legal, illegal, geduldet: Was die Begriffe im Wald wirklich bedeuten
- Rampage ohne Sieger: richtige Entscheidung, falscher Plan
- Fallen auf dem Trail: Warum Menschen Mountainbiker in Gefahr bringen












Bisher gibt es keine Kommentare!