Manche Bikeparks lassen dich nach zwei Stunden mit einem Schulterzucken zurück. Hafjell ist das Gegenteil. Du fährst dort vielleicht nur einen halben Tag rum, schmeißt das Bike abends wieder ins Auto und merkst Wochen später beim Kaffee, dass dieses spezielle Gefühl da oben in den Bergen einfach nicht weggeht. Norwegen, Lillehammer, Mosetertoppen – das sind keine Schlagworte, das ist ein Trip, der hängenbleibt.
Hafjell liegt etwa zehn Kilometer nördlich von Lillehammer im Gudbrandsdalen, in der Gemeinde Øyer. Wer aus Deutschland anreist, fährt durch Dänemark hoch, nimmt die Fähre nach Oslo und ist von dort in rund zwei Stunden da. Der Park selbst ist Norwegens größte Lift-Anlage fürs Mountainbiken und spielt seit Jahren in der europäischen Spitzenklasse mit. Wenn dir der Name vage bekannt vorkommt: Hier wurden 2012 und 2013 die UCI Downhill-Weltcups gefahren, 2014 dann die komplette MTB-Weltmeisterschaft in Downhill, Cross-Country und Trial. Gee Atherton und Manon Carpenter sind hier Weltmeister geworden, Josh Bryceland hat sich auf dem letzten Sprung den Fuß gebrochen und ist trotzdem noch auf Silber gefahren. Hafjell ist also kein Geheimtipp – aber der Online-Auftritt verkauft den Laden ehrlich gesagt deutlich unter Wert. Was dich da oben erwartet, hat eine ganz andere Klasse als das, was die Webseiten ahnen lassen.
Hoch zum Mosetertoppen
Die Hauptarterie ist die Gondel, die dich in rund einer Viertelstunde 586 Höhenmeter hoch zum Mosetertoppen bringt – gleichzeitig Startpunkt für nahezu alles, was im Park Spaß macht. Wer es noch höher hinaus will, hängt den Sessellift dran und kommt damit auf insgesamt rund 700 Meter Vertikale. Das ist nordeuropäisches Niveau und merkt man auf den langen Strecken sofort: Du fährst und fährst und fährst, und der Trail will einfach nicht enden.
Oben am Mosetertoppen passiert dann das, was den Park in eine eigene Liga schiebt. Du steigst aus der Gondel, vor dir liegt ein dicker, asphaltierter Pumptrack, daneben ein Funtrack mit Holzbrücken, Schwebebalken und kleinen Obstacles, dahinter das Skavlen Restaurant mit Panoramablick ins Tal. Familien, Profis, Kids, Locals – alles mischt sich. Auf dem Pumptrack rollen Skater, BMXer, Downhiller und Vierjährige auf Laufrädern über dieselben Wellen. Genau diese Atmosphäre macht aus einem Bikepark einen Ort, an den man sich erinnert. Kein Stress, keine Hektik, Berg-Vibes pur.
Die Trails – sauber markiert, brutal vielfältig
Hafjell hat aktuell rund 17 bis 18 Downhill-Trails auf etwa 25 bis 28 Kilometern Streckennetz, sortiert von Grün bis Schwarz – genauso, wie man es im Winter von der Skipiste kennt. Die Beschilderung gehört zum Besten, was ich in einem Bikepark gesehen habe. Jeder Einstieg klar markiert, Schwierigkeitsgrad sofort erkennbar, unten im Tal weißt du immer noch, wo du rausgekommen bist. Klingt banal, ist es aber nicht. Wer schon mal in einem schlecht beschilderten Park nach dem dritten Run die Orientierung verloren hat, weiß den Unterschied zu schätzen.
Stilistisch ist alles dabei. Auf der einen Seite die machine-built Highways wie der Rollercoaster – die Visitenkarte des Parks. Über fünfzig Sprünge und unzählige steilgezogene Anlieger ziehen sich vom oberen Sessellift bis ins Tal, alles XXL, alles fließend, alles Adrenalin. Wenn du den einmal komplett durchziehst, verstehst du, warum die Pros beim Weltcup damals von den besten Anliegern im Geschäft geschwärmt haben. Auf der anderen Seite die natürlichen Waldtrails, allen voran die Råbølstien mit dem berüchtigten Steingarten aus der WM 2014 – jenem Abschnitt, der die schnellsten Fahrer der Welt an die Grenze gebracht hat. Daneben die NM-Trail als Urgestein, der allererste Trail des Parks, mit dem legendären „Aircraft Carrier“-Sprung. Und für alle, die sich austoben wollen: die Buldreløypa mit dem fünf Meter hohen Buldredrop und einer eigenen Drop-Zone zum Üben.
Wer es flowiger mag, nimmt den Dessert – ein blauer Trail, der den Tag genau so beendet, wie er heißen sollte: süß und mit einem fetten Grinsen unten am Lift. Anfänger und Familien finden auf der grünen Family Trail und am Funtrack alles, was sie brauchen, um sich an die Geschwindigkeit zu gewöhnen, ohne sich zu überfahren. Und wer Trail- oder Cross-Country-Bikes fährt, hat oben am Mosetertoppen Zugang zu einem riesigen Wegenetz, das sich über die Øyer-Hochebene zieht: Schotter, Singletrails, Forstwege, weite Sicht, kaum andere Menschen.
Praktisches – kurz und schmerzlos
Die Saison läuft von Ende Juni bis Mitte Oktober, im Hochsommer täglich, in den Randzeiten an den Wochenenden. Geöffnet ist von 10 bis 16 Uhr. Wer ohne eigenes Bike anreist, leiht sich vor Ort ein Scott Gambler Downhill-Bike – die Flotte umfasst inzwischen rund 140 DH-Bikes, dazu Trail- und XC-Bikes, E-Bikes und seit Neuestem sogar Gravelräder. Schutzausrüstung gibt’s gleich mit dazu, Werkstatt direkt nebenan. Skill-Coachings und Guides sind buchbar, die Crew vor Ort ist freundlich und entspannt, Englisch funktioniert problemlos.
Übernachten lässt sich direkt am Lift in den Apartments des Hafjell Resorts oder unten im Dorf auf einem der Campingplätze – inklusive Bike-Wäsche und Duschen. Wer mehr Zeit hat, kombiniert Hafjell mit Geilo oder Hemsedal weiter im Westen, alles vier bis fünf Stunden Fahrt entfernt.
Mein Eindruck
Was Hafjell für mich raushebt, ist diese seltene Mischung: Weltcup-Strecken, auf denen die Atherton-Familie und Greg Minnaar gefahren sind, gleichzeitig ein Pumptrack, auf dem Vierjährige ihre erste Bahn ziehen. Beides funktioniert nebeneinander, ohne dass eines das andere verdrängt. Dazu eine Trailpflege, die man sieht und spürt, ein Gelände, das genau die richtige Steilheit und den richtigen Boden hat, und eine Stimmung, die einem das Gefühl gibt, am genau richtigen Ort zu sein.
Ich war nur kurz da. Es hat gereicht, um zu wissen: Da fahre ich wieder hin. Und ich kann verstehen, warum die Norweger Hafjell als einen der progressivsten Bikeparks Europas verkaufen – die einzigen, die das offenbar nicht laut genug rausschreien, sind sie selbst.
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